Gerade hat Claus Peymann die drohende Event-Bude der Berliner Theaterlandschaft in der nahen Zukunft verortet. Gleichwohl gab es auch im Berliner Ensemble ein Event. Vom Feinsten. Wie sich’s gehört. Klassisch auf der Bühne und mal nicht als Fortsetzung des Altherren-Streits, den Peymann mit dem Immobilien-Besitzer des ehemaligen Brecht-Theaters, Rolf Hochhut, aufführt. Der Vermieter saß heuer in der Premiere friedlich zu Füßen des Intendanten.

Was geboten wurde, war eins von den Nobelevents, mit denen Peymann seine Kasse füllt und seine Spitzenquote bringt: mit einem Startrio aus nationalem Weltklasseautor, bundesdeutscher Rockgröße und amerikanischem Welttheater-Sonnyboy. Der Autor ist Johann Wolfgang von Goethe, der Komponist Herbert Grönemeyer, der Theatermann der Texaner Robert Wilson. Und oben drüber steht "Faust". Sogar "Faust I und II".

Dafür sind die viereinhalb aufgewendeten Stunden sogar eine beachtliche Verdichtungsleistung. Was bleibt, ist ein flott geschnittenes Best of Bilderbogen. In Wilson-typischer Scherenschnitt-Manier. Bunt, stilisiert, fantasievoll. Von den Vorspielen und der Zueignung bis hin zum Ewig Weiblichen, das uns hinan zieht. Als Rausschmeißer wie in einem Musical. So was Ähnliches ist die Nummernfolge auch geworden.

Oberflächenexperte

Zwar gehen gleich fünf Fäuste textarbeitsteilig an den Start, wobei der erste als Drogenopfer und drei weitere an der Seite der drei Gretchens im Kerker auf der Strecke bleiben. Nach der Pause ist nur noch ein Faust (Fabian Stromberger) an der Seite des eigentlichen Helden unterwegs. Der ist natürlich Mephisto. Christopher Nell genügt sich von Anfang an allein. Als biegsam sangesfreudiger Spielmacher in teuflischem Rot. Und als die andere Seite der Faust-Medaille. Sie rücken zusammen, können am Ende auf Erden nicht mehr ohne einander. Mephisto gibt seinem Faust sogar eins von seinen Teufelshörnchen ab. Und der nimmt das an. Womit der formverliebte Oberflächenexperte Wilson dann doch einen Hauch Interpretation unter die fabelhafte Show mischt.

Für deren Gelingen vor allem Grönemeyer einen verblüffend goethe- und wilsonkompatiblen musikalischen Part beisteuert. Sein fröhlicher Stilmix ist allemal dem Sound von Goethes Sprache abgelauscht. Instinktsicher führt er die Sprechmelodie immer nur die ein, zwei Schritte weiter, um die Musik freizulegen, die darin schon immer verborgen gewesen zu sein scheint. Rausgekommen ist ein Abend, der sich für jeden Goethe-, Grönemeyer-, Wilson-Fan lohnt. Wer sich zu allen drei Kategorien zählt, hat ein Event der Extraklasse vor sich, das er nicht versäumen sollte! Jubel beim Publikum und eine Zugabe von Grönemeyer.

theater

Faust I und II

Herbert Grönemeyer (Musik)

Robert Wilson (Regie)

Berliner Ensemble

Wh.: 17. bis 20. Mai