Glaubwürdige Cecilia Bartoli (Iphig nie) und sportgestählter Christopher Maltman (Oreste). - © Salzburger Festspiele/Monika Rittershaus
Glaubwürdige Cecilia Bartoli (Iphig nie) und sportgestählter Christopher Maltman (Oreste). - © Salzburger Festspiele/Monika Rittershaus

Als Deus ex Machina betritt Diane die Bildfläche. Eine mondäne Gott-Dame in Gold. Lässig nimmt sie an der Vorderkante der Bühne Platz und wiegt sich lässig im Takt des "Lieto fine": Da haben’s wir Götter wieder mal ganz lustig getrieben mit den Menschlein und ihrem Schicksal... Ein ironisch positives Ende der Beinahe-Tragödie also: Der Verzweiflungsruf "O Götter" ist ja das textliche Leitmotiv von Christoph Willibalds Glucks Oper "Iphigénie en Tauride". Da tut es irgendwie gut, am Ende gesagt zu kriegen: Nehmt es nicht so tragisch. Die Götter brauchen auch ihren Spaß.

Moshe Leiser und Patrice Caurier haben das Werk für die Salzburger Pfingstfestspiele im Haus für Mozart inszeniert. So ähnlich muss es in Flüchtlingslagern in Lampedusa aussehen. Iphigénie und die Ihren sind von den Asyl gewährenden Skythen wohl mit Hadern von der letzten Caritas-Kleidersammlung ausgestattet worden. In ziemlich jämmerlichem Outfit gehen sie, zwischen eisernen Bettgestellen, ihrem priesterlichen Dienst und dem begründeten Jammer übers Exil nach.

Pure Authentizität


Verdächtig: Nicht eine einzige Musiknummer aus "Iphigénie en Tauride" hat es auch nur ansatzweise in Opern-Wunschkonzerte gebracht. Ist ein solches Urteil der Musikgeschichte noch zu revidieren durch diese durch und durch festspielwürdige Salzburger Aufführung im Jahr eins nach Glucks 300. Geburtstag?

Gluck’sche Reformoper also. Hat es etwa der Barockoper an großen Gefühlen gefehlt? Natürlich nicht, aber sie waren dort in dramaturgisch vordefinierte Korsette geschnürt. Gluck ließ vergleichsweise hemmungslos den Gefühlen freien Lauf. Die Rezitative - durchwegs leidenschaftlich-glutvolle Accompagnati - sind aufgewertet, neu gewichtet gegenüber den Arien. Solche gibt es zwar, aber sie drängen sich nicht ins Ohr. Die Sängerinnen und Sänger können sich nicht rezitativisch plänkelnd zur jeweils nächsten Arie retten. Mit jedem Ton sind sie in ihrer Leidenschaft, ihrem Gefühlsausdruck gefordert, nichts darf vorgetäuscht wirken. Das ist die Herausforderung, und deshalb hat Cecilia Bartoli gerade zu dieser Hauptrolle gegriffen (die von den gesangstechnischen Anforderungen ja beinah unter ihrer Würde ist): Und wieder einmal ist sie eine Instanz an Glaubwürdigkeit. Pure Authentizität in Gesang und Spiel.

Auch von Christopher Maltman darf man das sagen, der als (zuerst) unerkannter Bruder Oreste der Priesterin im Feindesland gegenüber steht. Er, sportgestählt, sieht aus wie eine griechische Männerstatue. Ihn kann man getrost splitterfasernackt herzeigen - und tut’s auch gute zehn Minuten lang. Stimmlich ist Maltman hintergründig dunkel und doch geschmeidig. Dass ihn der Mord an Mutter Klytämnestra verfolgt, nimmt man ihm absolut ab: gelebte unbewältigte Vergangenheit.

Oreste also soll Diane als Opfer gebracht werden. Er und sein Begleiter Pylade (Topi Lehtipuu) haben viel Mord und Totschlag hinter sich und können es beide kaum erwarten, im Hades zu landen. Schlechter kann’s nicht werden. Dass einer von ihnen überleben soll, führt zu endlosen Diskussionen. Thoas (Michael Kraus) fordert mit des Basses Urgewalt Menschenopfer ein. Nur Festspiele können sich eine große Gruppe an Priesterinnen leisten, in denen keine Stimme abfällt.

Konturenstarke "Barocchisti"


Getragen werden all die sängerischen Leistungen, an denen man höchstens da und dort das nicht bewältigte französische Idiom bemäkeln könnte (vor allem bei Topi Lehtipuu) von einem Orchester, das ein wenig unter die Bühne gekommen ist. Die ist nämlich vorgezogen über den Orchestergraben. An die akustische Unterschwelligkeit des Originalklangorchesters "I Barrocchisti" unter Diego Fasolis muss man sich also gewöhnen. Aber die Damen und Herren spielen so konturenstark - nie weich zeichnend, aber auch nicht ungebührlich rupfig -, dass letztlich die Balance zum Vokalen stimmt. Diego Fasolis hat diese Musik stilistisch perfekt drauf, mit starker Hand hält er Bühne und seine "Barrocchisti" zusammen. Auch in dieser Hinsicht eine Referenzaufführung.

OPer

Iphigénie en Tauride

Christoph Willibald Gluck

Pfingstfestspiele Salzburg Wiederaufnahme: 19. August bei den Salzburger Festspielen