Der deutsche Kabarettist Dieter Nuhr ist für Reisepflicht. Das relativiert heimische Probleme. - © D. Nuhr
Der deutsche Kabarettist Dieter Nuhr ist für Reisepflicht. Das relativiert heimische Probleme. - © D. Nuhr

Eigentlich ist Dieter Nuhr Kabarettist. Aber zuletzt machte er mit juristischen Nachrichten Schlagzeilen. Vergangene Woche wurde ihm von einem Gericht beschieden, dass er sich von dem Muslim Erhat Toka "Hassprediger" nennen lassen müsse. Dieser wiederum hatte vor ein paar Monaten Nuhr wegen Hetze und der Beschimpfung von Religionsgemeinschaften angezeigt, die Klage wurde aber abgewiesen. Alles nur, weil Dieter Nuhr in seinen Kabarettprogrammen auch Witze über den Islam macht. Dementsprechend sensibilisiert ist Nuhr denn auch beim Interview anlässlich seines Österreich-Auftritts.

"Wiener Zeitung": Es muss ein E-Mail-Interview sein, wurde mir gesagt - haben Sie Angst vor der "Lügenpresse"?

Dieter Nuhr: Komische Frage. Den Begriff Lügenpresse halte ich für primitiv und auch nicht lustig. Nein, es ist nur so, dass die langjährige Erfahrung zeigt, dass man Interviews, die gedruckt werden sollen, besser schriftlich führt. Da wird sonst eingekürzt, verschriftlicht, zusammengefasst, und was dann am Ende als wörtliche Rede präsentiert wird, hat meist nur noch wenig mit dem zu tun, was man wirklich gesagt hat.

Verzeihung, der Kalauer war aufgelegt. Aber im Ernst: Sie werden doch sicher mit Vereinnahmungsversuchen von Pegida und Konsorten konfrontiert. Wie gehen Sie damit um?

Da ich mich ständig von Pegida und Konsorten distanziert habe, habe ich eigentlich eher mit Beleidigungen aus der Richtung zu tun gehabt. Da das Internet ja inzwischen für jeden Volltrottel eine anonyme Plattform bereitstellt, fühlen sich zahlreiche Menschen heutzutage herausgefordert, jeden zu beleidigen, der eine andere Meinung vertritt als die eigene. Für eine zivilisierte Gesellschaft ist Anonymität Gift. Nur die persönliche Haftbarkeit des Einzelnen ermöglicht, dass Menschen darauf verzichten, sich gegenseitig zu massakrieren.

Nach der Klage gegen Sie wegen Islamwitzen und den Attentaten in Paris, die kurz danach stattgefunden haben: Wie lang überlegen Sie jetzt, ob Sie eine Koranpointe machen?

Ich weiß gar nicht, wo der große Unterschied sein soll zwischen der Zeit vor dem Attentat und danach. Als wenn es die Fatwa gegen Salman Rushdie und die anderen nie gegeben hätte. Der religiöse Hass der mittelalterlichen Fanatiker war vorher und ist nachher gleichermaßen bedrohlich. Es ist mehr als bedenklich, dass man auf so was heute Rücksicht nehmen muss. Und es erstaunt mich, dass immer mehr Leute bei uns Verständnis für religiöses Beleidigtsein haben. Natürlich haben wir Religionsfreiheit. Jeder kann glauben, was er will! Von mir aus kann einer glauben, dass das Universum von einem rosa Frettchen erschaffen wurde. Aber es ist doch wohl ein Grundrecht, sich darüber lustig zu machen.

Es gibt Kritiker, die Sie einen "Kulturkämpfer" nennen - ist das eine Auszeichnung oder eine Beleidigung?

Kulturkämpfer? Habe ich noch nicht gehört. Wäre mir aber auch egal. Es ist ja heute üblich, nicht mit Argumenten, sondern mit Etikettierung zu versuchen, Meinungsäußerungen zu diffamieren. Schon der Begriff "Kämpfer" ist ja völlig bekloppt. Ich kämpfe nicht. Ich bin Komiker. Ich habe einen heiteren Blick auf die Welt...

Gibt es Religionen, die keine Pointen hergeben?

Darüber denke ich nicht nach. Auch wenn Sie’s vielleicht anders erwarten, aber ich sitze nicht den ganzen Tag am Küchentisch und denke darüber nach, welche Religion ich gerade beleidigen könnte. Wissen Sie, ich bin ein sehr entspannter Mensch, der versucht, das Absurde zu erkennen und auf die Bühne zu bringen. Verbissenheit ist mir fremd.

Kann es sein, dass die generelle Erregbarkeit auch von einer mittelmäßigen Informiertheit der meisten Menschen getragen wird? Oft hat man das Gefühl, dass sich Menschen aufregen, ohne tatsächlich zu wissen, worum es geht.

Es lässt sich über viele Themen weit besser argumentieren, wenn man keine Ahnung hat. Dann muss man sich nicht mit Fakten rumschlagen.

Ein anderes Beispiel dazu: Anlässlich des Todes von Günter Grass haben sich Blogger auf einer österreichischen Plattform dazu berufen gefühlt, zu veröffentlichen, dass sie Grass keine Träne nachweinen, er sei ja doch nur ein Nazi-Onkel gewesen. Einer der Blogger schrieb stolz, er habe auch nie ein Buch von Grass gelesen - aber eh den Blechtrommel-Film gesehen. Was sagen Sie zu dieser Mikro-Öffentlichkeitssucht vieler, sagen wir, einseitig gebildeter Menschen?

Das Internet bringt es mit sich, dass sich heute jeder berufen fühlt, seine Meinung offen zu äußern. Es gibt nicht mehr Bekloppte als früher, aber durch das Internet werden sie hörbar. Interessant ist die Menschenverachtung, die sich da breitmacht. Da ist dann auch der Tod eines großen Autoren kein Grund, mal die Fresse zu halten. Da unterscheiden sich dann übrigens linke, rechte und religiöse Fanatiker kaum noch. Der Andersdenkende wird verachtet. Und wenn er tot ist, freut man sich.

Glauben Sie, Twitter macht den Medienkonsum demokratischer? Oder genau das Gegenteil, durch die hohe Shitstorm-Gefahr?

Wenn sich alle gegenseitig anschreien, macht das die öffentliche Diskussion weder interessanter noch demokratischer. Nur der Lärmpegel steigt. In den "Sozialen Medien" wird in den seltensten Fällen tiefgründig argumentiert. Meist ist man schnell auf der Ebene gegenseitiger Beleidigungen angelangt. Wer das für einen zivilisatorischen Fortschritt hält, dem kann ich nur gratulieren. Der hat ein wirklich sonniges Gemüt.