Eine Wintertragödie: Caroline Peters und Martin Wuttke kämpfen gegen die erfrierende Welt. Simon Stone transponierte Henrik Ibsens Drama auch sprachlich in die Gegenwart. - © Reinhard Werner/Burgtheater
Eine Wintertragödie: Caroline Peters und Martin Wuttke kämpfen gegen die erfrierende Welt. Simon Stone transponierte Henrik Ibsens Drama auch sprachlich in die Gegenwart. - © Reinhard Werner/Burgtheater

Wie man ein klassisches Werk ohne Substanzverlust in die Gegenwart transferieren kann, demonstriert Simon Stone in seiner schlichtweg großartigen Inszenierung von Ibsens "John Gabriel Borkman". Er rüttelt weder an der Handlung noch an den Charakteren, von Ibsens Text hingegen ist nichts übrig geblieben. Ibsens Figuren sind Menschen unserer Tage und sprechen die Sprache von heute. Ihre existenziellen Probleme und psychischen Konflikten sind gegenwärtig nicht weniger aktuell als zur Zeit (1896) des Schauspiels.

Der aus kleinen Verhältnissen stammende John Gabriel Borkman hat es zum Bankdirektor gebracht, überschätzt seine Macht, lässt sich auf ein unermesslichen Reichtum versprechendes Projekt ein, verspekuliert sich, veruntreut die ihm anvertrauten Gelder, steht von einem Tag auf dem anderen vor dem Nichts und landet Gefängnis. Nicht nur seine Familienangehörigen sind die Leidtragenden. Nach Verbüßung der jahrelangen Haftstrafe kappt er, eingeigelt im Obergeschoß seines Hauses, mit Ausnahme seines einzigen Freundes Foldan (Roland Koch) jeden Kontakt zur Außenwelt und seiner im Stock darunter gleichfalls in Abgeschiedenheit dahinlebenden Frau und seinem Sohn, bis schließlich mit der völlig unerwarteten Ankunft seiner Schwägerin der private Gerichtstag anbricht. Dieser spielt bei Simon Stone auf einer kahlen, von Schnee bedeckten Bühne (Katrin Brack). Die wenigen Requisiten sind zunächst in den Schneemassen verborgen und Schnee rieselt auch zwei Stunden hindurch unaufhörlich auf die Personen herab, die sich aus den Schneemassen hervorquälen.

Gunhild Borkman (Birgit Minichmayr) steht nach Jahren wieder ihrer Zwillingsschwester Ella Rentheim (Caroline Peters) gegenüber: eine von unterschwelliger Spannung geladene Begegnung, die unter die Haut geht. Waren doch Borkman und Ella, die immer noch Gefühle für ihn empfindet, einst ein Paar, ehe er sich für Gunhild entschied. Allerdings nicht aus Liebe, sondern aus Karrieregründen.

Gezeichnete Menschen


Minichmayr zeigt die innerlich verhärtete, ihr Selbstmitleid zur Schau stellende Gunhild als eine vom Alkohol schwer gezeichnete, dies aber in Sprache und Gestik bemüht überspielende Persönlichkeit, die sich in die virtuelle Welt des Internets zurückgezogen hat. Ihre Therapiestunden absolviert sie über Skype, Teleshopping ermöglicht Einkäufe, andrerseits stößt sie beim nächtlichen Surfen immer wieder auf den unlöschbar dokumentierten, bei Borkmans Verhaftung ausgebrochenen Shitstorm aus einer nicht mehr zu korrigierenden Vergangenheit. Caroline Peters verhält sich zunächst noch zurückhaltend. Erst in ihrem Zusammentreffen mit Borkman deckt sie - immer emotionsgeladener - den eigentlichen Grund ihres Kommens auf: Unheilbar an Krebs erkrankt, fordert sie ihr Recht auf Borkmans Sohn Erhart (Max Rothbart) ein, dem sie nach Borkmans Verurteilung Ersatzmutter war, dessen Studium sie finanzierte und den sie nun zu adoptieren gedenkt.