• vom 29.05.2015, 17:36 Uhr

Bühne


Theaterkritik

Tragikomödie der Lebenslügen




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Eine Wintertragödie: Caroline Peters und Martin Wuttke kämpfen gegen die erfrierende Welt. Simon Stone transponierte Henrik Ibsens Drama auch sprachlich in die Gegenwart.

Eine Wintertragödie: Caroline Peters und Martin Wuttke kämpfen gegen die erfrierende Welt. Simon Stone transponierte Henrik Ibsens Drama auch sprachlich in die Gegenwart.© Reinhard Werner/Burgtheater Eine Wintertragödie: Caroline Peters und Martin Wuttke kämpfen gegen die erfrierende Welt. Simon Stone transponierte Henrik Ibsens Drama auch sprachlich in die Gegenwart.© Reinhard Werner/Burgtheater

Auf Erhart konzentrieren sich, unabhängig voneinander, aber auch die Hoffnungen seiner Eltern, noch einmal in ein lebenswertes Leben zurückzufinden: Gunhild tyrannisiert ihn mit Anrufen und SMS und möchte ihn in eine politische Laufbahn drängen. Borkman hingegen fantasiert sich in die Rolle eines zwar k.o. geschlagenen Boxers hinein, der wieder in den Ring steigen und als "Borkman und Sohn" endlich den weltweit Aufsehen erregenden Coup landen wird. Martin Wuttke bietet als Borkman eine wohl kaum überbietbare Meisterleistung: Ein Menschenwrack, äußerlich verwahrlost, mit grauen Haarsträhnen, kehrt er dennoch den großen Macher hervor, der an seinem verpfuschten Leben allen anderen, aber nur nicht sich selbst die Schuld gibt.

Aussprechen der Wahrheiten
Im Showdown, wenn alle zusammentreffen, wird endlich reiner Tisch gemacht und alle lang verdrängten Wahrheiten explosionsartig ausgesprochen. Der überforderte, von allen vereinnahmte Erhart pocht verzweifelt auf sein Recht für ein eigenes Leben, das er an der Seite der attraktiven, die Szene stumm beobachtenden Society-Lady Fanny Wilford (Nicola Kirsch) auf einer mehrmonatigen Abenteuerreise durch Südamerika zu starten gedenkt. Im Wissen, dass sie den um einiges jüngeren Mann nicht auf Dauer wird halten können, hat Fanny bereits vorgesorgt und Foldals Tochter Frida (Liliane Amuat) zu dieser Reise als Begleiterin eingeladen. Die direkte, oft deftige Sprache von heute verleiht den tiefernsten Familienfehden überdies stellenweise eine verzweifelte, den Betroffenen gar nicht bewusste Komik.

Am Schluss bleiben vor einem tiefblauen Vorhang drei an ihrer Vergangenheit gescheiterte Menschen zurück. Der endlich im Freien angekommene Borkman, der sich in eine letzte Vision hineinsteigert und dies sterbend mit dem Siegersignal bekräftigt, und die beiden resigniert verstummenden Frauen.

Ein makelloser, mit Ausnahme eines Buhrufers begeistert gefeierter Theaterabend, der Ibsens Aussage voll und ganz gerecht wird.

theater

John Gabriel Borkman

Nach Henrik Ibsen von Simon Stone

Regie: Simon Stone

Festwochen-Koproduktion Burgtheater und Theater Basel

Akademietheater

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Dokument erstellt am 2015-05-29 17:38:08


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