Vor sieben Jahren hat Martin Kušej den "Weibsteufel" im Akademietheater wiedererweckt. In einer Kulisse von rohen Baumstämmen, an einem Ort Nirgendwo an einer Zollgrenze. Im Film "Grenzgänger" (2012) versetzte der verstorbene Florian Flicker das Dreipersonen-Stubenspiel aus Tirol in die March-Auen, als Betriebsunfall beim Einsatz des Bundesheeres gegen Schlepperbanden. Heuer ergänzt Karl Schönherrs tirolerisch-südbairische Mundart die gewohnten Schnitzler-Tonfall-Festspiele in Reichenau.

Der in Wien praktizierende Arzt Dr. Schönherr (1867 – 1943) baute zur Blütezeit von feinnervigem Naturalismus und wallender Neuromantik ein sensationell kühles Menschenversuchs-Laboratorium. In der Isolation eines Bergbauernhofs, im "Fuchsbau", den die Zollwache knacken will, stehen bereit: ein krimineller Mann, eine nach sechs Ehejahren vergebens auf ein Kind hoffende Frau und ein strebsamer junger Schmugglerjäger. Drei ohne Namen, drei Individuen zu jeder Teufelei bereit, gemäß Schönherrs Gesellschaftsdiagnose, darum von archetypischer Gültigkeit. Männliche Gier nach Reichtum, Aufstieg, Ehre zwingen die Frau in ein Doppelspiel als Komplizin und Denunziantin. Der Kraftlackel verheißt Lust und Kind, ihr angetrauter Schwächling das ersehnte "Haus am Marktplatz".

Dr. Schönherr, dem Dr. Mabuse voraus, drückt immer öfter auf den Stimmungswechselschalter. Die Frau bäumt sich gegen ihre Instrumentalisierung auf und erliegt in Serie den Versuchungen. Die Katastrophe ist – auch als Antwort auf Otto Weiningers Herabstufung der Frauennatur – vorprogrammiert. Sie wendet den Spieß und missbraucht die Männer. Der Junge macht sie nach ihrem Willen zur Witwe und verliert seine Existenz. Das Haus im Tal wird ihr allein gehören.

Auf soliden alpenländischen Füßen steht Bernhard Schirs Debüt als Regisseur und zugleich Grenzjäger in einer Montur aus den dreißiger Jahren. Er stammt aus Innsbruck wie auch Katharina Straßer als Weibsteufelin. Als Frischling im Zolldienst soll er die Frau des schlauen Schmugglers bezirzen. Ein Mannsbild wie aus Zirbe geschnitzt, zwanzig Jahre älter, doch die Uniform macht Männer alterslos. In Schönherrs Innsbrucker Mischmasch aus Taldialekten rutschen beide bisweilen ins Wienerische ab. Dass so oft statt nid ned gesagt wird, ischt nid nett.

Alexander von Weilen, ein maßgeblicher Kritiker, Dramatiker und Theaterhistoriker, wies in der "Wiener Zeitung" noch vor der Uraufführung 1915 auf eine systemische Schwäche im Textbuch hin: Zu wortreich sind die fünf Akte, und bald die Zuschauer schlauer als die Dialogisierer auf der Bühne. Schir hat den Text klug verschlankt. Doch ein Akkordeonspieler beduselt das purifizierte Sprachskelett mit zerdehnten Simpelakkorden. Starke, bekenntnistiefe Ansagen werden nach Romantikerart mit Mondlicht weichgetönt. Mutlose Stimmungsregie, wo Schönherrs gewalttätiger Expressionismus mehr fordert als Rammelei-Einlagen.

Katharina Straßer versagt sich mit Kraft und Charme allen Teufelinnen-Klischees – konstruiert aus Männerhoffnungen und -ängsten. Damit verspielt sie eine Attraktion dieser Bombenrolle. Marcello de Nardo, Nichttiroler, macht die seine zum Ereignis. In Hemd und Hose in dumpfen Egger-Lienz-Farben (Kostüme: Erika Navas) ist der erprobte Latin Lover ein Verwandlungswunder. Ein Charakterwurm, der sich hüstelnd, fröstelnd, zuckend aufrecht hält. Als "Flaschnmandl", "Krankensessel" verhöhnt, verbogen von Geldgier, doch mit traurig fragenden Augen auf stilles häusliches Glück aus. In Reichenaus salonmanierlicher Überfülle tut er besonders wohl.