Im Clinch in der Klinik: Die Kontrahenten Professor Bernhardi (v.l. Joseph Lorenz) und Professor Ebenwald (André Pohl). - © Dimo Dimov
Im Clinch in der Klinik: Die Kontrahenten Professor Bernhardi (v.l. Joseph Lorenz) und Professor Ebenwald (André Pohl). - © Dimo Dimov

Wie sich eine palliativmedizinisch korrekte Entscheidung zur Parlamentsaffäre aufbauschen lässt, zeigte Arthur Schnitzler 1912 in seiner im Grunde keineswegs lustigen Komödie "Professor Bernhardi". Der Titelheld, Direktor des privat finanzierten Elisabethinums, verweigert dem Spitalsseelsorger den Zutritt zu einer nach einer verpfuschten Abtreibung im Sterben liegenden Patientin, die in einem Zustand agonaler Euphorie von ihrer Genesung überzeugt ist. Der Vorfall wird zum Anlass für ein "politisches Manöver der klerikalen und antisemitischen Parteien". Dieses zu Zeiten der Monarchie von der Zensur nicht freigegebene Werk zählt mittlerweile nicht nur zu den Repertoire-Klassikern, sondern feierte während der letzten Jahre eine Renaissance und steht derzeit sowohl am Burgtheater als auch im Schnitzler-Refugium Reichenau auf dem Programm.

Akademische Konkurrenz


Hermann Beil führt die Reichenau-Tradition subtil weiter: War Peter Matić in Beverley Blankenships Inszenierung 2003 der Protagonist, so sieht man in nun als Minister Flint, Rainer Frieb, einst Tugendvetter, profiliert sich diesmal bestens als Pflugfelder, vormals Rolle von Marcello de Nardo.

Beil verzichtet in seiner mit diskretem Gespür gestalteten Inszenierung auf jedweden Aktualisierungsversuch, sondern vertraut auf Schnitzlers Text, setzt kaum merkbare Striche, lässt alle zwangzig Rollen des Stücks zu Wort kommen und gibt auch den Nebenfiguren Gelegenheit, ihr eigenes Profil zu entwickeln. Längen sind dabei freilich unvermeidlich. Aber der Einblick ins Konkurrenzverhalten im akademischen Alltag mit seinen, nach der jeweiligen Interessenlage oszillierenden, bei Politikern intervenierenden Seilschaften ist allemal reizvoll. Joseph Lorenz erscheint als souveräner Klinikchef, dem es vorrangig um seine Patienten geht. Dass ihn sein Stellvertreter, der deutschnationale Dr. Ebenwald (André Pohl), zu entmachten versucht, wird von Anfang an deutlich.

Als Bernhardis Verhalten dem Pfarrer gegenüber als Religionsstörung öffentlich als eine, parlamentarisch zu behandelnde Religionsstörung angeprangert wird, droht dem Elisabethinum der finanzielle Ruin. Ebenwald wäre zu einer Applanierung bereit, sollte Bernhardi bei einer Personalentscheidung auf seinen fachlich bestens ausgewiesenen jüdischen Favoriten Wenger (Marcello de Nardo) verzichten. Doch Bernhardi deckt, als im Ärzte-Konsortium die Wogen hochgehen, den vorgeschlagenen Deal auf, wird abgesetzt, angeklagt und infolge falscher Zeugenaussagen zu zwei Monaten Kerkerhaft verurteilt. Nicht zuletzt aufgrund der schwankenden Haltung des Unterrichtsministers (Peter Matić), der sich als Bernhardis alter Freund auszugeben bemüht.

Nach Verbüßung der Haftstrafe kommt es nach einer Aussprache über die unüberbrückbaren Klüfte hinweg zum Handschlag zwischen dem Kleriker und dem nach wie vor unbeugsamen Mediziner, dem zwar seine berufliche Rehabilitation am Herzen liegt, nicht aber - trotz der umgeschlagenen öffentlichen Meinung - die Wiederaufnahme seines Prozesses.

Fazit: Ein Abend für Nostalgiker oder auch zum Nachdenken über die von Schnitzler aufgezeigten Problemfelder.