Erl. Zivilisation schafft Kultur. Diese Aussage des verstorbenen Psychiaters und Suizidforschers Erwin Ringel wird in Österreich kaum jemand anzweifeln. Aber welche Form der Kultur soll geschaffen werden? In dieser Frage war sich das Publikum der Tiroler Festspiele Erl uneinig, wie die teils wütenden Reaktionen am Ende des Eröffnungsabends zeigten.

Was war geschehen? Die Hamburgerin Katja Czellnik hatte Männerchöre von Richard Strauss mit improvisierten Textfetzen aus den "Reden über Österreich" von Erwin Ringel (brillant: Martin Miotk) und Anton Wildgans zu einer politischen Inszenierung über nationale Identität und Ausgrenzung verbunden. Das geschah in einer Art Mainstream-Trash-Ästhetik, die an sich niemanden mehr sonderlich schockieren dürfte. Wer aber den Tiroler Volkshelden Andreas Hofer in seiner Heimat mit den Worten "Geh aus der Geschichte, wir brauchen dich hier nicht mehr" von der Bühne jagt, der ist entweder hochgradig unbedarft oder erfolgreich provokant. Das Erler Publikum ist aus den Vorjahren eine selbsterklärende und eher statische Regiehandschrift gewohnt, die auf Metaebenen verzichtet. Der Eröffnungsabend wirkte vor diesem Hintergrund als Versuch einer Imagekorrektur und sorgte immerhin für ein paar Tage Gesprächsstoff.

Riskante Besetzungspolitik

Dabei hatte der Abend konventionell begonnen: Festspielpräsident Hans Peter Haselsteiner hielt ein pazifistisches Plädoyer für die internationale Diplomatie und stellte die Korruption an den Pranger. Landeshauptmann Günther Platter wünschte sich weniger Populismus und mehr Visionen. Und ÖVP-Wissenschaftssprecher Karlheinz Töchterle setzte in einer frei gehaltenen Rede die Musik und die Mathematik wissenschaftlich mit Verweisen auf die Mythologie und die Philosophie der Antike in Verbindung.

Ein zentraler Bestandteil des Erler Festspielkonzepts ist die Förderung von jungen Talenten durch die von "Erlkönig" Gustav Kuhn gegründete Accademia di Montegral (Toskana). Wie an den beiden Tagen nach der Eröffnung festzustellen war, wird den potenziellen Stars von morgen in der Praxis freilich einiges zugemutet - was gerade bei schwierigen Hauptpartien mit einem Risiko verbunden ist.

Mit hoher Präzision, Vielschichtigkeit und idealtypischen Klangfarben zeigte sich in der Wiederaufnahme von Gustav Kuhns "Tristan und Isolde"-Inszenierung - es war die erste Aufführung einer Richard Wagner-Oper im neuen Festspielhaus - welch erstklassiges Orchester Kuhn in den Vorjahren geschaffen hat. Anders als bei den Wagner-Opern im Passionsspielhaus, wo das Orchester hinter der Szene platziert ist, kam die Musik aus dem Orchestergraben, der à la Bayreuth mit Planen verdeckt war. Trotzdem war der Klang kaum gedämpft und kam sogar ziemlich laut daher, was die Sänger der Accademia di Montegral vor eine Probe stellte, der nicht alle gewachsen waren. Gianluca Zampieri tat sich als Tristan nicht nur mit den Orchesterwogen schwer; auch seine Artikulation in dieser womöglich schwersten Tenorpartie überhaupt (mit der er vielleicht noch warten sollte) ließ zu wünschen übrig. Seine Isolde war Mona Somm, die trotz grobschlächtiger Mittellage mit durchschlagskräftigen Spitzentönen und beeindruckendem Durchhaltevermögen an der internationalen Topliga kratzte. Vitale Zeichen setzten zudem Michael Mrosek (Kurwenal), Hermine Haselböck (Brangäne) und Wolfram Wittekind (Melot). Franz Hawlata war ein passabler König Marke.

Ein Sängerfest

Ein Sängerfest gab es im Passionsspielhaus im Rahmen von Wagners "Meistersinger von Nürnberg". Schlichtweg sensationell war der Moldawier Iurie Ciobanu als David (er ist Ensemblemitglied im Linzer Landestheater), auch der Australier James Roser als Sixtus Beckmesser machte Freude. Heftigster Jubel wurde Michael Kupfer-Radecky für einen konstant kräftigen Hans Sachs zuteil. Ferdinand von Bothmer, ein guter Mozartinterpret, blieb in der zentralen Partie des Walther von Stolzing blass.

Wie schon am Vortag zeigte sich die Stärke der Accademia in der hohen Qualitätsdichte der Nebenpartien, die führenden Häusern fast allesamt zur Ehre gereichen würden. Darunter Joo-Anne Bitter (Eva), Giovanni Battista Parodi (Veit Pogner), Ádám Horváth (Nachtwächter) und einmal mehr Michael Mrosek (Fritz Kothner). Kuhns Dirigat klang gut, wirkte aber schnoddriger und gehetzter als am Abend davor. Der Jubel aber, der war riesig.