Claudia Bosse vermengt Artefakte mit Sound und Text. Elsa Okozaki
Claudia Bosse vermengt Artefakte mit Sound und Text. Elsa Okozaki

Wien. Claudia Bosse kommt ihrem idealen Paradies immer näher. Genauer gesagt, geht sie im Weltmuseum Wien den zweiten Schritt in diese Richtung: "A second step to ideal paradise" nennt Bosse ihre Installation, die beim Impulstanz-Festival zu sehen sein wird. Im Gesprächmit der "Wiener Zeitung" erklärt sie, wie sie dokumentarische Artefakte von einst und jetzt sowie Soundgruppen in den Räumen ineinanderfließen lässt.

"Wiener Zeitung":Wie unterscheidet sich die Arbeit im Museum zu jener auf der Bühne?

Claudia Bosse:Es ist jedes Museum natürlich anders, aber hier ist es sehr speziell. Denn das Weltmuseum ist zurzeit geschlossen und gerade dabei sich auch ideologisch neu auszurichten. In manchen Sachen gibt es fremde Einschränkungen - manches bleibt auch unverständlich. Aber wenn man sich ein bisschen mit den Organisationsstrukturen und den anderen Notwendigkeiten auseinander setzt, kann man einen Großteil der Dinge einsehen.

Was macht ein Museum als Performanceraum so unterschiedlich zu einer Bühne?

Ein Museum hat natürlich eine andere Art von Raumaufbau. Ich habe eine Serie von Räumen, die ich spezifisch herrichten kann und ich habe hier in diesem Museum den Luxus einer langen Vorbereitungszeit. Ich setzte mich gerne in meinen Arbeiten mit der Architektur von Räumen, deren Geschichte sowie der Institution selber auseinander. In dieser Arbeit ist das speziell, weil ich hier zunächst eine Installation vorbereite, die ich versuche, als Performance zu begreifen. Ich entwickle hier eine Raumschrift, in der fünf Räume unterschiedlich thematisiert sind. In jedem dieser Räume gibt es Sprache und Lichtregie, die als Miniatur funktioniert. Eine Performance mit Objekten, Sound und Licht, aber ohne Performer. Die Besucher sind die einzigen lebendigen Körper in den Räumen.

Um welche Themen handelt es sich?

Meine Grundannahme war: Was kann ich über eine gesellschaftspolitische Kondition heute mithilfe jener Dokumente lernen, die in dieser Sammlung vorhanden sind. Ich habe für jeden Raum eine Zuordnung vorgenommen: Im Vorraum geht es um das Sammeln. Das ja mit den Eroberungen einher ging - mit der Sammlung und dem Sammeln. Zum anderen befasse ich mich mit der Herauslösung von Objekten aus einem Kulturkreis und die Aktionen, die sich damit bilden. Ich mache eine Spezifikation, erfinde dann einen kulturellen Kontext und eine Zuschreibung.Dasist der erste Raum.

Und in den restlichen Räumen?

Im zweiten Raum geht es um Territorium und Aneignung. Der nächste Raum thematisiert Körperpolitiken von Terrorismus und Bestrafung; zur Frage: Wie wird Ideologie produziert? Im folgenden Raum geht es um Ethnografie und Erotik. Wie im Grunde Exotismus entsteht und die ethnografische Fotografie der Beginn unserer Pornografie ist. Dann gibt es einen Zwischenraum, in dem ein Text, den ich geschrieben habe, von einem Schrumpfkopf zu hören sein wird. Und im letzten Raum geht es um Fetisch/Warenfetisch, Ritual und andere Gesellschaften.

Es gab bereits den "First step" . . .

. . . ja, beim Donaufestival.

Jetzt gibt es den "Second step zur ideal paradise". Die spätere Performance hier im Weltmuseum wird zum "third step" . . .

. . . im Herbst gibt es dann den Abschluss mit "Ideal paradise".

Das ideale Paradies - was ist das?

Wir leben in Gegensätzen und das ist die Vorstellung einer gut funktionierenden Gesellschaft. Das ideale Paradies ist eigentlich ein totalitärer Raum, den es nicht gibt. Ich beschäftige mich mit der Frage nach dem Paradies in unserer Vorstellung und welche politische Struktur es darstellt: In der Bibel ist das Paradies etwa ein Raum, der eine Außengrenze hat, durch die niemand reinkommt. An irgendetwas erinnert mich das. Das Museum bietet umfassendes Material, weil es hier gesammelt, konserviert und an die Öffentlichkeit wieder ausgestoßen wird.