(r. k.) Casta Diva. Den Opernhit hat jeder im Ohr. Aber was macht Cecilia Bartoli daraus! Da wird unmittelbar greifbar, wie die Priesterin mit ihrer "keuschen Göttin" hadert - denn eben die Keuschheit hat sie eingebüßt, indem sie sich mit dem Statthalter des Feindes eingelassen hat. "Fraternisierung" hat man so etwas genannt. Im Frankreich zur Zeit der Résistance, wohin die Regisseure Moshe Leiser und Patrice Caurier die Oper verlegt haben, wurden solche Damen durch das Abschneiden der Haare gebrandmarkt. Auch Norma wird solcherart gedemütigt werden, bevor man sie abfackelt.

Brillante Cecilia Bartoli


Diese "Norma"-Produktion, sie debütierte 2013 bei den Salzburger Pfingstfestspielen, ist wundersam gereift. Es ist ja viel Ungewohntes in dieser musikologisch umgekrempelten Aufführung. Neue Gewichtungen entstehen durch die exzessive Tessitura der Titelrolle, Koloraturen sind nach Originalquellen bereinigt: Eine Fundgrube für Originalklang-Apostel Giovanni Antonini, der am Pult von La Scintilla (der Originalklang-Crew der Zürcher Oper) allen Furor aus "Il giardino armonico"-Zeiten abgelegt und zu fast Harnoncourt’scher Langsamkeit gefunden hat. An feinsten Schrauben wurde gedreht, um die Synchronisation zwischen den Sängern und zwischen Bühne und Graben so hinzukriegen. Resultat ist eine Ausdrucksintensität, die den Atem nimmt. Dabei setzt Bartoli inmitten eines exquisiten Ensembles das um, was Komponist Vincenzo Bellini einen "enzyklopädischen Charakter" genannt hat: Es ist da einfach jede Seelenlage drin, und Bartoli kehrt das heraus, ohne je oberflächlichem Spiel mit der Virtuosität zu erliegen.

Oper

Norma

Salzburger Festspiele, Haus für Mozart. Termine bis 8. August.