Konkrete Wirklichkeit: links: Stefanie Reinsperger, Nikolaus Habjan, Nils Rovira-Muñoz, daneben: Adele Neuhauser in "Fasching", unten: Claudia Sabitzer und "Marienthaler Dachs"-Ensemble. - © Lupis Puma, R. Polster
Konkrete Wirklichkeit: links: Stefanie Reinsperger, Nikolaus Habjan, Nils Rovira-Muñoz, daneben: Adele Neuhauser in "Fasching", unten: Claudia Sabitzer und "Marienthaler Dachs"-Ensemble. - © Lupis Puma, R. Polster

Wien. Der Stern an der Spitze, Markenzeichen der Ära Schottenberg, ist verschwunden. "Wien. Wut. Mut" prangt nun in großen Lettern auf dem Balkon des Volkstheaters. Dieses Wochenende eröffnet Anna Badora ihre erste Spielzeit: Derzeit wird allerdings noch an allen Ecken und Enden des Hauses gearbeitet.

Auf dem Platz vor dem Theater hämmern Arbeiter an einer Rampe für Rollstuhlfahrer, im Zuschauerraum steht schon die neue Tribüne, die bequemere Sitze und bessere Sichtverhältnisse bietet. Auf der großen Bühne im Haupthaus finden gerade die Endproben für die Eröffnungspremiere statt, die Dramatisierung von Gerhard Fritschs Anti-Heimatroman "Fasching". Die Proben sind für Journalisten gesperrt.

Nicht schon wieder Spießertum


Hinter der Bühne, in den drückend heißen Garderoben, der Geruch von Puder und Haarspray. Dort hantiert Nikolaus Habjan an seinen Puppen. Mit der rechten Hand schlüpft er in den modellierten Kopf; flugs fixieren einen stechend blaue Kunststoffaugen. Habjan hat rund drei Monate lang, von Februar bis zu Probenbeginn im Mai, an der Bühnenfigur gearbeitet, diverse Variationen hergestellt. Die Wahl fiel schließlich auf expressionistisch-abstrakte Gesichtszüge. "Das ist ideal", sagt Habjan, "damit die Puppe auf der Bühne real wirkt und sich zugleich abhebt." Habjans Schöpfung verkörpert die innere Stimme des Protagonisten in "Fasching" mit Namen Felix Golup, dargestellt von Volkstheater-Neuzugang Nils Rovira-Muñoz.

"Fasching" (1967) zählt zum Kanon der österreichischen Nachkriegsliteratur; der Publikumserfolg ist dem anspielungsreichen Roman indes bis heute verwehrt geblieben.

Autor Fritsch verhandelt darin die wechselvollen Geschicke des Felix Golub: Der junge Soldat desertiert in den letzten Kriegstagen, eine Baronin - am Volkstheater verkörpert von Publikumsliebling Adele Neuhauser (siehe Interview) - versteckt ihn in Frauenkleidern; die Bewohner liefern ihn dann den Sowjets aus; nach zehnjähriger Haft in Sibirien kehrt Golub zurück. Fritsch entlarvt im Buch die scheinbar friedliche Nachkriegsgesellschaft als Chimäre, hinter der alte Haltungen lauern. "Als meine Dramaturgie mir diesen Stoff vorschlug, war ich zunächst zurückhaltend: Nicht schon wieder Vergangenheitsbewältigung, nicht schon wieder Provinzspießertum!", gesteht Anna Badora, die in ihrer erster Spielzeit als Intendantin auch gleich ihre erste Regie am Haus übernimmt. Ihr Tag umfasst derzeit zwölf Arbeitsstunden. "Aber dann habe ich mich hineinvertieft und entdeckt, dass die Gefahr der Eindimensionalität keineswegs besteht. Mit diesem Text kann ich vieles erzählen, was ich über unsere Gesellschaft denke. Die Selbstgerechtigkeit der Leute im Roman, das Verteidigen ihres Status: das sind allgegenwärtige Mechanismen: ,Unsichtbare Mechanismen‘, wie es im Buch heißt. Ich sehe die Chance, dass man die Bühnenqualitäten dieses so faszinierenden wie monströsen Stoffes erkennt."