Wien. Die Ferien sind vorbei, und damit rücken auch wieder die Pädagogen in den medialen Fokus. Die "Wiener Zeitung" hat mit HAK-Lehrer Andreas Ferner (41) und Volksschullehrer Markus Hauptmann (43) über ihren Beruf gesprochen. Neben diesem verbinden die beiden auch ihr Heimatbezirk Floridsdorf und das gemeinsame Kabarettprogramm "Teamteaching" (Premiere ist am 21. September im Orpheum).

"Wiener Zeitung": Wie fühlt es sich an, wenn man nach neun Wochen Urlaub wieder arbeiten muss?

Andreas Ferner: Nachdem wir die ganzen Ferien über wie die Viecher am Kabarettprogramm gehackelt haben, wird die Schule jetzt direkt gemütlich. Nein, im Ernst: Lehrer arbeiten auch in den Ferien und bereiten sich vor.

Markus Hauptmann: Bei mir fängt das eigentlich gleich nach dem letzten Schultag an.

Ferner: Ich finde diese ganze Lehrer-Arbeitszeit-Diskussion eigentlich schon lächerlich. Sie ist insofern irrelevant, weil es ein Gesamtpaket ist. Ich habe auf der WU studiert, und es wäre genauso skurril, wenn ich den Kollegen dort das vielfach höhere Gehalt neidig wäre, so wie uns die Leute die Schulferien neidig sind. Es heißt immer, man braucht die besten Lehrer und die besten Schulen - aber gleichzeitig macht man dieses Gesamtpaket madig.

Hauptmann: Wir sind halt ein schönes Feindbild. Die öffentliche Wahrnehmung hat sich in den 17 Jahren, die ich jetzt Lehrer bin, extrem gewandelt - in eine völlig falsche Richtung. Früher hatten Lehrer noch ein besseres Image. Viele meinen ja auch, wir machen Kabarett, weil wir so viel Freizeit haben. Wenn hingegen ein Topmanager noch zig Nebengeschäfte hat, sagt kein Mensch etwas.

Aber ist die Hacklerregelung für Lehrer wirklich gerechtfertigt?

Ferner: Ich würde es anders sagen: Es gibt die Hacklerregelung. Sie wird vom öffentlichen Dienst sehr stark in Anspruch genommen, also warum nicht auch von Lehrern? Unser Job ist ein extrem intensiver. Wenn du mit 65 noch mit 30 lärmenden Teenagern in der Klasse stehst, kann es, wenn es dir nicht total liegt, sehr auszehrend sein.

Hauptmann: Bei Buchstabentagen gehen manche Eltern nach zwei Stunden raus und sagen mir: "Deinen Job könnte ich nicht machen." Weil sie einfach fix und fertig sind, nach nur zwei Stunden. Ich kann nachvollziehen, dass massiv viele Lehrer in Frühpension gegangen sind, als es ohne Abschläge möglich war. Ich kenne ganz viele Kollegen, die das gemacht haben, weil sie sich gewisse Dinge einfach nicht mehr antun wollten: Respektlosigkeiten der Eltern, Respektlosigkeiten der Kinder, die immer ärger werden. Als ich angefangen habe, konnte ich nicht nachvollziehen, dass sich eine 60-jährige Kollegin einfach nur noch auf die Pension gefreut hat. Heute verstehe ich das.

Ferner: Wenn es heißt, die Landeslehrer sind so früh in Pension gegangen, muss man bedenken, dass die Bundeslehrer das zweithöchste Pensionsantrittsalter nach den Richtern haben.

Woran krankt das Schulsystem?

Hauptmann: Es ist gar nicht krank. Es wird nur krankgeredet.

Ferner: Ein Problem sind sicher selbsternannte Bildungsexperten, die selber keine vier Minuten in einer Klasse gestanden sind, aber uns erzählen, wie es ablaufen soll.

Hauptmann: Andreas Salcher zum Beispiel war zwar Gründungsmitglied der Sir-Karl-Popper-Schule, aber er weiß nicht, wie es in einer Schule in einem Bezirk mit 80 Prozent Ausländeranteil zugeht. Und es ist immer von Leistung die Rede: Wir brauchen die allerbesten Schüler und müssen bei diesem und jenem Test super sein - aber dass ich, wenn ich für die Kinder Lehrer, Papa und Sozialarbeiter in einer Person bin, kommt da nicht vor.

Ferner: Für die oft geforderten weltbesten Schulen mit den weltbesten Lehrern wäre mein erster Schritt die weltbeste Behandlung und Bezahlung. Wie will man junge Leute in den Job locken, wenn man sie ständig herprügelt?

Hauptmann: Ich weiß nicht, ob ich mit den Erfahrungen der vergangenen 17 Jahre heute noch einmal Lehrer werden wollte. Ja, ich würde schon, weil ich trotz allem meinen Beruf liebe - aber ich würde zweimal nachdenken.

Was hat sich unter Ministerin Gabriele Heinisch-Hosek verändert?

Hauptmann: Ihre Vorgängerin Claudia Schmied war Bankerin und hatte davor mit Schule nichts am Hut. Entsprechend wurde uns in ihren Aussendungen im Wochenrhythmus ausgerichtet, wie faul wir sind und was wir alles mehr tun sollen. Den Rücken hat sie uns nicht gestärkt - im Gegensatz zu Gabriele Heinisch-Hosek, die selber auch Lehrerin war.

Zentralmatura und Gesamtschule: Ja oder nein?

Ferner: Ich bin gegen die Zentralmatura. Ich bezweifle, dass der Ansatz sinnvoll ist, dass alle genau dasselbe wissen müssen. Wobei ja eigentlich kein echtes Wissen mehr abgefragt wird, sondern nur noch Kompetenzen. In anderen Ländern ist die Zentralmatura nur zu einem kleinen Teil zentral, der Rest ist ohnehin wieder individuell und wird von den Schulen selber gestaltet. Unsere Schulen wurden jahrelang angehalten, individuelle Schwerpunkte zu setzen - und jetzt kann man das Autonome wegschmeißen, und alle werden dasselbe geprüft. Es ist auch nicht konsequent fertiggedacht, weil die Lehrer ihre eigene Matura verbessern - das sollte jemand anderer machen. Auch bei der Gesamtschule bin ich skeptisch. Ich bin nicht dagegen, aber ich habe lieber mehrere Möglichkeiten offen - und nicht nur eine Gesamtschule und sonst nichts.