Während das Theater an der Wien seinen Gästen gern Überraschungen auftischt, sitzt im Chefbüro eine Konstante: Seit 2006 leitet Roland Geyer das Opernhaus der Stadt, und er täte dies am liebsten über sein Vertragsende 2018 hinaus. Im Interview spricht er über seine Inszenierung der Rarität "Hans Heiling", die am Sonntag Premiere hat, eine geplante Uraufführung für das Shakespeare-Jahr 2016 und die Spartentrennung bei den Vereinigten Bühnen Wien.

Heimisch geworden: Roland Geyer, seit 2006 Chef des Theaters an der Wien, will dies über 2018 hinaus bleiben. - © www.lukasbeck.com
Heimisch geworden: Roland Geyer, seit 2006 Chef des Theaters an der Wien, will dies über 2018 hinaus bleiben. - © www.lukasbeck.com

"Wiener Zeitung":2012 haben Sie an Ihrem Haus erstmals Regie geführt, damals bei "Hoffmanns Erzählungen". Nun inszenieren Sie erneut und zeigen die Opernrarität "Hans Heiling". Werden Sie, neben Ihrem Job als Intendanten, zum Spezialisten für Schauerromantik?

Roland Geyer:Ich würde eher sagen, ich interessiere mich für psychologische Geschichten über zerrissene Menschen. An sich ist Hans Heiling ein verliebter junger Mann; seine Mutter, die Königin der Erdgeister, klammert sich mit aller Macht an ihn und will ihn nicht freigeben. Wenn man das zuspitzt, ergibt es einen Fall von Missbrauch. Ich habe mir zuletzt einige TV-Dokumentationen angesehen: schrecklich, wie sehr Missbrauch seine Opfer zerstören kann. Das Thema ist zwar heute kein Tabu mehr; mit Müttern als Täter ist es aber nach wie vor heikel.

Sie inszenieren Heinrich Marschners Oper (1833) also nicht mit Zaubergestalten, sondern als eine heutige Familienkatastrophe?

Erdgeister sagen uns heute wenig. Ich möchte den Stoff näher an das Publikum heranrücken, damit es die Intensität spürt. Ich werde Missbrauch zeigen, auch sexuellen.

Laufen Sie da nicht Gefahr, auf eigener Bühne ausgebuht zu werden?

Natürlich wünsche ich mir Erfolg, aber ich inszeniere nicht für den Applaus. Es ist mir ein Anliegen, mich an diesem Haus einmal im Jahr noch stärker mit einer Produktion auseinanderzusetzen als in meiner Intendanten-Rolle. Als ich mich 2012 entschieden habe, meinen Vertrag im Theater an der Wien zu verlängern(eigentlich sollte Geyer Bregenz-Intendant werden, Anm.), wurde das mit Thomas Drozda, Generaldirektor der Vereinigten Bühnen, so abgesprochen.

In der aktuellen Saison zeigen Sie auch den "Fliegenden Holländer". Der ist an sich an der Staatsoper daheim. Eine Kampfprogrammierung?

Seit das Theater an der Wien wieder Opern spielt, also 2006, hatte ich die Aufgabe, ein komplementäres Programm zu den anderen Häusern zu entwickeln. Überschneidungen mit der Volksoper sind gering, weil wir Operetten ausklammern. Andererseits habe ich mit Staatsopern-Chef Dominique Meyer ein gutes Verhältnis. Wir sprechen uns programmatisch ab und sind beide der Meinung, dass es ein, zwei Überschneidungen geben kann. Ausschnitte aus Wagneropern habe ich schon 2013 konzertant gebracht. Als romantische Oper passt der "Holländer" nun perfekt zu "Hans Heiling". Als drittes passendes Werk hätte sich der "Freischütz" angeboten. Wir zeigen stattdessen Brittens "Peter Grimes", um das 20. Jahrhundert zu präsentieren. Das ergibt einen Bogen mit Opern über Außenseiterfiguren.

Eine Uraufführung gibt es in dieser Saison ja ausnahmsweise nicht . . .

Dafür aber knapp danach, im September 2016.

Ein Tribut an das Shakespeare-Jahr?

Ja, wir zeigen einen neuen "Hamlet". Keine Nacherzählung des Shakespeare-Stoffes, sondern eine psychologische Studie über die Hauptfigur.

Wie gut kann der Kartenverkauf an einem Haus laufen, das nicht zuletzt Raritäten zeigt?

Sehr gut. Der Abonnement-Verkauf für die aktuelle Saison ist mit 6000 Stück fast abgeschlossen, die Premieren-Abos sind alle weg. Wir liegen ungefähr auf demselben Niveau wie im Vorjahr, ich bin sehr zufrieden. Das Interesse am Neuen ist riesengroß. Dabei muss ich sagen, dass ich mit dem "Holländer", Monteverdis "L’incoronazione di Poppea" und Weills "Dreigroschenoper" diesmal - zufällig - ein wenig populärer programmiert habe.

Ihr Job soll in Bälde ausgeschrieben werden. Bewerben Sie sich?

Ja.

Im Vorjahr hat die rot-grüne Stadtregierung versucht, bei den Vereinigten Bühnen Wien (VBW) zu sparen. Kurzzeitig kursierte die Idee eines gemeinsamen Intendanten für die Musical- und Opernsparte. Wie groß ist Ihre Freude, dass die Bereiche nun wohl weiterhin getrennt geleitet werden?

Natürlich könnte man von außen auf die Idee kommen, die VBW mit einem städtischen Mehrspartenhaus zu vergleichen, das nur einen Intendanten hat. Der Vergleich hinkt aber. Der Unterschied: In solchen Stadttheatern überlappen die Sparten einander - derselbe Chor, dasselbe Orchester treten in verschiedenen Genres auf. Die VBW sind zwar aus der politischen Überzeugung entstanden, dass es das Beste ist, wenn Ronacher und Raimundtheater - als Musicalbühnen einerseits - sowie Kammeroper und das Theater an der Wien andererseits unter einem Firmendach agieren. Zugleich ist man sich aber bewusst, dass diese Bereiche künstlerisch nichts miteinander zu tun haben. Umso mehr, als die VBW keine klassischen Stadttheater-Musicals, sondern Show-Musicals mit besonderen Ansprüchen zeigen. Das VBW-Musical-Orchester spielt auch nie am Theater an der Wien.

Aber wäre das nicht ab und zu möglich? Das Orchester, im Vorjahr durch eine Subventionsaufstockung gerettet, hätte dann eine noch stärkere Legitimation.

Natürlich sind die Mitglieder des VBW-Orchesters gute Musiker. Aber sie sind Spezialisten für Rock, Pop und Musical. Nun sind zwar auch Skispringer nicht schlecht im Skifahren. Einen Slalom werden sie aber nie gewinnen. Konkret gesagt: Wenn man weiterhin erstklassige Kräfte für beide Genres in den VBW will, dann muss man so weitermachen.