• vom 23.09.2015, 16:18 Uhr

Bühne

Update: 23.09.2015, 16:38 Uhr

Opernkritik

Stinkende Hände und goldene Nasen




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Von Daniel Wagner

  • Walter Kobéra und die Neue Oper Wien mit frischem Schostakowitsch.

Großes Bravo: Neue Oper zeigt Schostakowitschs Jugendoper.

Großes Bravo: Neue Oper zeigt Schostakowitschs Jugendoper.© AB Großes Bravo: Neue Oper zeigt Schostakowitschs Jugendoper.© AB

Hübsch ist anders. Wobei hübsch oder gar schön muss Dmitri Schostakowitschs Jugendoper von der "Nase" auch nicht sein. Aber eben unterhaltsam. Und das war die bissige Zeitsatire in Weillscher Tradition, aktuell an der Wiener Kammeroper zu erleben, jedenfalls im besten Sinn.

Denn der Neuen Oper Wien ist mit ihrer aktuellen Produktion tatsächlich dieser intendierte Spagat zwischen Unterhaltung und Kritik gelungen. Kurz nach Kreneks "Jonny" komponierte der blutjunge Schostakowitsch die sarkastisch-absurde Erzählung nach Nikolai Gogol.

Information

Die Nase
Von Dmitri Schostakowitsch
Walter Kobéra (Dirigent)
Matthias Oldag (Regie)
Kammeroper
Wh.: 26., 28., 30. Sept


Was passiert, wenn dem autoritären Kollegienassessor sein geheiligtes Riechorgan als Statussymbol und Zugehörigkeitskennung abhanden kommt? In zehn glitzernd-komischen Bildern erzählt "Die Nase" also von den Ängsten der Gemeinschaft, von Vorbehalten des Establishments, Gruppenwahn, Brutalität auf allen Ebenen und Ausgrenzung. Und die Moral von der Geschicht’: Die Nase wird geschnappt und alles bleibt beim Alten. Da gab es somit gar nichts zum Lachen - auch nicht 70 Jahre nach Gogols Tod. Zeitkritik vom Feinsten verarbeitete Schostakowitsch 1928, Zeitkritik vom Feinsten bringt auch Dirigent Walter Kobéra 2015 mit einem bestens einstudierten Ensemble in der grimmig satirischen Inszenierung von Regisseur Matthias Oldag auf die Kammeropern-Bühne.

Alltagsmenschen in Anzügen und adretten Alltagsdressen reisen durch eine schlichte Guckkastenbühne (überdimensional austapeziert mit einem tagesaktuellen Artikel zur Situation Russland-Ukraine, eigentlich recht aufgesetzt), überall stehen Chöre von Militärs.

Lachen und Verzweifeln
Marco Di Sapia machte als überheblicher, eben entnast-verzweifelter Kollegienassessor Kowaljow seiner sonoren Volksopernstimme alle Ehre - großes Bravo. Igor Bakan war als jämmerlicher Barbier Jakowlitsch ebenso ein Erlebnis wie Pablo Cameselles grausig beißender Wachtmeister. Gut besetzt auch kleine, aber als menschliche Charaktere wesentliche Nebenrollen wie die resolute Gattin des Barbiers (Megan Kahts). Nicht zu vergessen: Alexander Kaimbacher als die Nase.

Walter Kobéra zauberte mit dem präzise intonierenden amadeus ensemble-wien, das der facettenreichen Partitur Schostakowitschs mehr als gerecht agierte, Lachen wie (Ver-)Zweifeln auf die Gesichter des begeisterten Publikums.

Die Mitglieder des Wiener Kammerchores bieten, auch besonders in den pittoresken Massenszenen des zweiten Aktes in ihrem fugal-kontrapunktischem Aufbau den größten Genussfaktor. Danke! Eine Produktion, die man unbedingt erleben sollte.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-09-23 16:23:06
Letzte Änderung am 2015-09-23 16:38:20


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