Ganove: Placido Domingo in Woody Allens "Gianni Schicchi". - © LA Opera
Ganove: Placido Domingo in Woody Allens "Gianni Schicchi". - © LA Opera

Er soll bei den Proben zur Wiederaufnahme zumindest einmal aufgetaucht sein. Nein, Woody Allen mag kuriose Liebesaffären gehabt haben, die Leidenschaft zur Oper wird sich bei ihm nie einstellen. Dabei hatte er im Jahr 2008 mit einer phänomenalen Inszenierung von Giacomo Puccinis "Gianni Schicchi" sein Genie auch in diesem Genre unter Beweis gestellt. Wider Willen, wie er gestand: Als er Plácido Domingo, damals wie heute Intendant der LA Opera, sein Einverständnis für eine Opernregie gab, kannte er Puccinis Oper nicht. Doch einerseits schätzte er den Jahrhunderttenor sehr, und andererseits rechnete er nicht damit, die Produktion, die wie in der Opernbranche üblich, eine jahrelange Vorlaufzeit hatte, noch zu erleben.

Allen transponierte die einaktige Erbschleicherkomödie ins Gaunermilieu und inszenierte sie als Hommage an italienische Schwarzweiß-Filme aus den 50er Jahren. Die Produktion war eine Sensation, das Premierenpublikum bog sich vor Lachen. Trotzdem ging der Regisseur beim Schlussapplaus nicht auf die Bühne. Aus Angst. Auf der anschließenden Galaveranstaltung für die Förderer der auf private Spenden stark angewiesenen Institution war Allen dann mehr körperlich als geistig anwesend - er saß an einem der elegant gedeckten Tische und las ein Buch.

Seither ist viel geschehen. Die Finanzkrise brachte die LA Opera ebenso ins Straucheln wie ein aufwendiger und sehenswerter Ringzyklus von Achim Freyer im Jahr 2010. Die Spielpläne der viertgrößten US-Opernkompanie sind seither von einer gewissen Risikoaversion geprägt.

Zur Feier der 30. Saison hat man nun Woody Allens einzige Opernarbeit wiederbelebt. Stand diese seinerzeit im Rahmen von Puccinis gesamten "Trittico"-Zyklus auf dem Programm, mit "Il tabarro" und "Suor Angelica" in der Regie von William Friedkin, bildet sie nun gemeinsam mit Franco Zeffirellis opulenter Inszenierung von Ruggiero Leoncavallos "Pagliacci" aus dem Jahr 2004 einen Doppelabend.

Mit Erfolg: Im 3200 Sitzplätze fassenden Dorothy Chandler Pavilion war während der dritten Folgevorstellung kein freier Sitz auszumachen. Die Angelenos kamen nicht zuletzt des Hausherrn wegen, Plácido Domingo, der als Titelfigur ein weiteres seiner vielen Rollendebüts gab und nach der Pause den "Pagliacci" dirigierte.

Woody Allen, der im Dezember seinen 80. Geburtstag begeht, hatte das Reenactment in die Hände von Kathleen Smith Belcher gelegt, und die machte einen hervorragenden Job. Frisch wie am ersten Tag suchten die raffgierigen Donatis im detailreichen Bühnenbild das Testament ihres verstorbenen Verwandten, der Slapstick funktionierte bestens. Sie fanden es unter einem Haufen Spaghetti im Nudeltopf, das Publikum amüsierte sich köstlich.

Für den immer noch agilen, mittlerweile weit über 70-jährigen Domingo erwies sich die Titelrolle, die weitgehend aus Sprechgesang mit gelegentlichen, lyrischen Ausbrüchen besteht, als ideale Partie. Auch das restliche Ensemble war stark. Andriana Chuchman brillierte bei ihrem Hausdebüt als Schicchis durchtriebener Tochter Lauretta mit einem wohlig warmen Timbre, als artiger Lover Rinuccio strahlte Arturo Chacón-Cruz. Dirigent Grant Gershon sorgte für einen wohlklingenden Klangfluss.

Als Domingo nach der Pause aufs Dirigentenpult stieg, war ihm der Jubel sicher. Da machte es dann gar nichts, dass das Orchester unter seiner soliden Leitung ein wenig flach klang und durch das überbordende Bühnengeschehen in die Zweitrangigkeit gedrängt wurde. Zeffirelli mag es bekanntermaßen üppig und packte so viele Zirkusartisten und Schaulustige auf die Bühne für diese "Pagliacci"-Inszenierung wie nur möglich.

Hoffen auf das Video


Von den Solisten erfordert es zusätzlichen Einsatz, sich von dem rudimentären Geschehen abzuheben, bevor Marco Berti als eindrucksvoll präsenter Canio seine Frau Nedda (mitreißend, etwas schmal in den Höhen: Ana Maria Martinez) und seinen Nebenbuhler Silvio (stark: Liam Bonner) erdolchen darf. Nach angestrengtem Beginn fügte sich auch George Gagnidze als Tonio in den stimmlich hochwertigen Abend ein.

Mit einem Dolchstoß endet übrigens auch Woody Allens schwarzhumorige Inszenierung. Wer Allens Interpretation sehen möchte, der hat es derzeit außerhalb von Los Angeles schwer. Der Meister hat sich einer DVD-Vermarktung seiner Produktion bislang erfolgreich wiedersetzt. Immerhin: Am 3. Oktober überträgt die LA Opera den Doppelabend live und kostenlos auf eine Leinwand am Pier von Santa Monica, es wird also eine Videoaufzeichnung geben. Es besteht daher die Hoffnung, dass sie der Nachwelt dauerhaft erhalten bleibt.