Effektvoll: Das neue Ensemble im Schauspielhaus Graz. - © Spuma
Effektvoll: Das neue Ensemble im Schauspielhaus Graz. - © Spuma

Der runde Tisch, die Basis aller Gespräche und Diskussionen auf gleicher Augenhöhe wäre eine so tolle Sache, und einer der Tischler hätte ja auch das optimale Maß dafür errechnet: Zwölf Meter Durchmesser, weil "es geht um den Durchschnitt der durchschnittlichen Ritter", wie es in "Merlin oder Das wüste Land" von Tankred Dorst heißt. Und dann wird es auch wirklich ein runder Tisch aber der läuft nur wie ein schmales Band um einen riesigen Baumstamm. Da kann man dem Gegenüber erst recht nicht in die Augen schauen und die Ritter an König Artus’ Tafel müssen im Ernstfall ihre Ideen für eine bessere Welt als stille Post im Kreis schicken.

Kein Brett, sondern gleich die Weltesche vor dem Kopf? Um die an menschlicher Unzulänglichkeit scheiternde Weltverbesserungs-Utopie geht es in Tankred Dorsts Stück. Merlin, die Ausgeburt des Teufels, soll das Böse tun, will das partout nicht, scheitert aber am Guten kläglich. Im Grazer Schauspielhaus, wo die neue Intendantin Iris Laufenberg das fast komplett runderneuerte Ensemble für Tankred Dorst zum Saisonauftakt ins Rennen schickt, sind Merlin deren zwei: eine charismatische hölzerne Gliederpuppe und ihr Fädenzieher Michael Pietsch.

Unter Drachentötern


Merlin wird bei Artus’ Krönung als Einflüsterer auf der linken Schulter des Königs hocken, und am Ende wird die Puppe resigniert auf dem Baumstumpf des längst gefällten Welten-Baums sitzen. In den dreieinhalb Stunden (Nettospielzeit) dazwischen: bildmächtige Szenerien, lustvolle Gruppen-Improvisationen, eine durchaus draufgängerische Mixtur aus dick aufgetragener Hintersinnigkeit und naiv ausgespieltem, gelegentlich ins Kraut schießendem Klamauk. Das kann überrumpelnden Charme haben (insbesondere in den Marionettenszenen), aber auch extreme Längen. Denen haben sich manche Premierenbesucher schon in der Pause entzogen.

Regisseur Jan-Christoph Gockel schreibt den Denkstoff nicht vor, er hat sich eher assoziativ denn planvoll ans Kürzen und Neu-Zusammenstellen des Text-Molochs gemacht. Das Kaleidoskopartige der Vorlage bleibt erhalten, wird eher noch aufgefettet durch Anspielungen auf Tagesaktualitäten.

An einem Abend wie diesem schaut man natürlich mit doppeltem Interesse auf die neuen Gesichter im Ensemble. Da ist Julia Gräfner zu nennen. Als Parzival gibt sie einen reinen Tor, tollt scheinbar tollpatschig und doch so gelenkig über die Bühne. Auch als Elaine hat sie einen entwaffnend naiven Blick drauf. Florian Köhler (einer der wenigen "Alten" im Ensemble) ist Lancelot, den er differenziert zwischen verlegen und verschlagen anlegt. Mit E-Gitarre gibt er einen ritterlichen Popstar ab. Lancelot hat was mit der gertenschlanken Ginevra (Evamaria Salcher spielt sie etwas unterkühlt), der arme König Artus muss schon sehr konzentriert wegschauen, um nichts sehen zu müssen. Fredrik Jan Hofmann nimmt man in dieser Rolle jederzeit ab, dass er nicht der geborene, sondern erst zum Herrschen und zum Weltverbessern zu überredende, bis zuletzt irgendwie pausbäckig wirkende König ist.

Die üppige Personage von Dorsts Vorlage ist stark dezimiert, acht Darsteller schupfen das Ding. Michael Pietsch führt nicht allein die Marionetten, er hat auch die Kollegen wohl instruiert in dieser Kunst. Als Marionettenspiel sehen wir nicht nur einem feuerspeienden Drachen, sondern auch, was Ginevra und Lanzelot so treiben. Das ist nicht ganz jugendfrei.

theater

Merlin

Jan-Christoph Gockel (Regie)

Schauspielhaus Graz, bis 25. Nov.