Fabrikshalle und Gastwirtschaft auf der Volkstheaterbühne in Manner-Schnitten-Rosa, der Leuchtschriftzug "Marienthal" darüber in Manners Logodesign. Was verbindet die Wiener Haselnussschnitte mit Isidor Mautners Textilfabrik im niederösterreichischen Marienthal, einer Bankrottbank verpfändet und 1930 geschlossen?

Beide sind weltberühmt. Manner auf dem süßen Markt, die "Marienthal"-Studie von Paul Lazarsfeld, seiner Frau Marie Jahoda und Hans Zeisel (1933) als methodischer Meilenstein ("teilnehmende Beobachtung") in der empirischen Sozialforschung. Die drei wiesen damals nach, dass Arbeitslosenfrust nicht die von den Theoretikern erhofften Revolten auslöst, sondern nur Langeweile, Depression, Blockade. 2009 gab es in wiederum befragten 74 Marienthaler Haushalten vier Arbeitslose.

Proudhon-Sozialismus gegen Turbokapitalismus

Die Marken Manner wie Marienthal nutzten Ulf Schmidt – vom Volkstheater als "Dramatiker, Blogger und Digitalberater" angekündigt – und der Regisseur Volker Lösch – spezialisiert auf politisierende Männerchöre nach Einar Schleefs Vorbild – als Blickfang für ihren "Marienthaler Dachs". Darin befetzen sich, ohne Problemlösung und Hoffnung darauf, geschundenes Proletariat und pampiges Kleinbürgertum, romantisch-religiöser Proudhon-Sozialismus und Turbokapitalismus.

Ulf Schmidt weist sich auf seiner Homepage www.postdramatiker.de als ein solcher aus. Postdramatik, mit René Pollesch als Großmeister, verheißt ein Ineinanderfließen von dokumentarischem Material, hochgezwirbelter Sprache, politischen Allegorien samt Konnotationen auf Meta- und Metametaebenen in aggressiv, sexuell, ironisch aufgeladenen Endlos-Diskursen. Drei Stunden sind mehr als eine zu viel.

Wiener Problemstoffe

Der seit 2012 angebotene Urtext, 2014 beim Heidelberger Stückemarkt ausgezeichnet, zielte auf die deutschen Hartz-IV-Debatten. Die "Wiener Fassung" von Volker Lösch und Heike Müller-Merten wurde mit konkreten Wiener Problemstoffen überladen. Zwei Stücke in einer Packung.

Schmidt kalauert im längst veröffentlichten Textstrom mit dem Gleichklang von wirtschaften/wir schaffen, Geschäftsverkehr/Geschlechtsverkehr. Der Dachs aus dem Stücktitel meint den Frankfurter Börsen-Dax (Marx wählte einmal für den Kapitalismus das Bild eines schlafenden Krokodils). Der angebetete Götze wird sich zuletzt als Phantasma herausstellen.

Auf dieser Holpertour durch mikro- und makroökonomische Grobwahrheiten hetzt ein gerissener Kommunikationsmakler, genannt "Medium" – Gábor Biedermann im Entertainer-Glitzerdress – mit fingierten Dachs-Dax-Botschaften die verelendeten Kleinbürger gegen die Arbeitslosen auf. Die wollen sich nicht vom langhaarigen Pseudojesus (Jan Thümer), sondern von einer Marktwirtschaftströte (Steffi Krautz) retten lassen. Den Apostel steinigen sie, die Wirtschaftsliberale lässt sie im Stich.

Kampfbilder aus dem Sowjetfilm

Vierzig nackte Unterarme, geballte Fäuste: Kampfbilder wie aus dem frühen Sowjetfilm. Diese zwanzig "Arbeitslosen von Marienthal" sind hier auf Kosten der Arbeiterkammer prekär Theaterbeschäftigte. In ihren Sprechchören zeigen sie Würde, die den ironischen Ideologiefiguren (Profis als Vater Staat, Mutter Konzern, Tochter Gesellschaft, Herr Knecht, Milchmädchen, Andi Arbeit etc.) mangelt. Ihnen hört man zu, wenn sie über Arbeitgeber, AMS und Ihresgleichen als Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt Klage führen. Im Arbeiter-"Blaumann" stecken auch Angestellte, Freiberufler. Solche Einzelschicksale, von der politischen Kaste zu gerne unterschlagen, rühren. Kollektiv vorgetragen, simulieren sie die Elendsstimmung der Dreißigerjahre.

Als Schuldige denunziert der Laienchor Finanzminister Schelling, Raiffeisenbanker Rothensteiner, Wirtschaftskammerpräsident Leitl, Jeannée und die FPÖ. Der Wiener Wahlkampf läuft. Meinte die VT-Direktorin Anna Badora, sie müsse mitmachen? Ihre Arbeitgeber sind die SPÖ-Gewerkschafter. Ehe sie heuer das Regiment übernahm, kündigte sie fast das komplette künstlerische Personal.