"Dann kauf ich mir eine Braunschweiger, einen Emmentaler, ein Gurkerl und ein Bier, und dann macht das Leben schon wieder ein freundliches Gesicht." Klingt einfach, dieses verführerisch kleinbürgerliche Glücksrezept aus Werner Schwabs "Präsidentinnen". Aber so leicht kommt keiner davon: Was sind eine Braunschweiger, ein Emmentaler, ein Gurkerl und ein Bier auch schon anderes als die frühe Vorstufe von Klomuschelinhalt.

Das klingt jetzt widerlich, aber wer das schon nicht aushält, für den sind die "Präsidentinnen" wohl nichts. Allerdings verpasst man bei so viel Zimperlichkeit auch etwas. Denn wie Regina Fritsch, Barbara Petritsch und Stefanie Dvorak in David Böschs Inszenierung im Akademietheater durch den Stuhl des Lebens waten, das ist vor allem schauspielerisch eine Wucht. Bösch hat Schwabs Fäkaliendrama von der Wohnküche in einen schmutzigen Wohnkeller versetzt. Das ist praktisch, weil da hat man’s mit den Leichen im Keller nicht weit. Recht originell ist es halt nicht, die Österreich-Kellerwitze nützen sich ja auch langsam ab. Wichtigste Dekorationen dieses Dreckslochs (Bühne: Patrick Bannwart) sind ein Kreuz, das gleich auch als Buchstabenrückgrat für ein "Fuck Mother"-Graffiti fungiert, und ein Waldheim-Foto, das von oben milde auf die vertrocknete Gesellschaft lächelt. Bei der richtigen Perspektive erhält der symbolgewordene Bundespräsident via LED-Ringlampe auch einen Heiligenschein. Der kann übrigens jeden auf der Bühne treffen - die Scheinheiligkeit macht vor keiner Halt. Das ist wiederum ein schlau-subtiler Regie-Einfall, der das Stück, das mitunter doch stark nach 90er Jahren riecht, im Heute verankert. Dort, im Heute nämlich, kennt man auch noch immer - oder gar noch mehr? - die Einbahnstraße der eigenen Meinung, auf der man nur ungern andere Vorstellungen ein Hauferl machen lässt.

Gemeinste unter den Gemeinen


Die Herrinnen über ihr kümmerliches Leben glauben Erna, Grete und Mariedl eigentlich eh nicht zu sein. Aber man wird ja noch träumen dürfen - gipfelnd im blutigen Wettkampf der Sehnsüchte. Bei dem es immer am lustigsten ist, wenn es der anderen so richtig reinscheißt. Barbara Petritsch spielt Grete, deren Lust noch nicht gemordet ist, fetzenmondän wie eine alternde Stummfilmdiva aus der hintersten Vorstadt - geordnet ordinär. Stefanie Dvorak ist eine kindliche Mariedl in schlackernd-hautfarbener Alt-Frauen-Unterwäsche - ihr Erregungsgrad ist abmessbar an der Frequenz der Bürstenhiebe, die ihre Puppe abbekommt. Regina Fritsch schließlich spielt Erna, dieses gemeinste Weib unter den Gemeinen, modelliert übrigens nach Schwabs Mutter Aloisia, als prachtvolle Grätzn. Halb bestehend aus der Pelzhaube, die sie sich neben einem Fernseher "geleistet hat für ihre Leistungen" und die aussieht wie ein mehrfach überfahrener Waschbär, holt sie alles Bitter-Komödiantische aus dieser Erna heraus. Aus ihrem lächelnden Gesicht tropft die Bösartigkeit wie aus der undichten Klospülung, allein schon ihre Blicke können hundsgemeine Pointen sein. Es ist ein Vergnügen, diesen "Präsidentinnen" zuzusehen - bis zum tarantinoesken Ende.