Vertraut man einem alten Theateraberglauben, dann folgt auf eine verpatzte Generalprobe eine umso glanzvollere Premiere. Für die Schauspielertruppe, die in Michael Frayns Dauerbrenner "Der nackte Wahnsinn" ("Noises Off") durch den ersten Akt einer Boulevardkomödie stolpert, dürfte das allerdings nicht gelten. Was schiefgehen kann, geht schief, bis die letzte Aufführung des Stückes endgültig zum Desaster wird.

Folke Braband als Regisseur zieht auch diesmal, wie schon in seinen früheren Inszenierungen an den Kammerspielen, mit einem bestens aufeinander eingespielten Ensemble alle Register eines Lachtheaters, in dem die Figuren des Stückes zum Vergnügen des Publikums mit vorhersehbarer Wahrscheinlichkeit in immer unwahrscheinlichere Situationen geraten.

Die Tricks der Komödie


Nützt doch Frayn in seiner den Theateralltag satirisch überzeichnenden Backstage-Farce einen alten Feydeau-Trick: Da treffen in dem gerade einstudierten Stück in einem noblen Landhaus durch Zufall Leute aufeinander, die sich voreinander zu verbergen versuchen und dabei hinter eine der zahlreichen Türen zu ebener Erde oder im ersten Stock (Bühne: Stephan Dietrich) flüchten - was naturgemäß zu ständigem Türenknallen, unvermuteten Begegnungen, absurden Erklärungen, verschwundenen und wieder auftauchenden Gegenständen und Kleidungsstücken bis hin zur Unterhosen-Komik führt. Dazu kommt noch, dass das Zusammenspiel der Truppe allmählich durch private Beziehungskrisen beeinträchtigt wird.

Angesichts seiner grandios outrierenden und überkandidelt kostümierten Künstlerschar schwankt Michael von Au als vielbeschäftigter Provinzregisseur schon bei der Generalprobe der "Nackten Tatsachen" zwischen Souveränität und resignativer Verzweiflung. Sein Star (Ulli Maier) in der Rolle einer überforderten Haushälterin versagt im Kampf mit den Requisiten - vor allem mit dem Teller mit Sar-
dinen - einem Running Gag
der Aufführung -, andere stören das für die Überraschungsef-
fekte nötige Timing durch verfrühte oder verspätete Auftritte. Im Ensemble, das in Attitüden, Gesten und Mimik in köstlich
karikierten Boulevard-Typen paradiert, begeistert vor allem Ruth Brauer-Kvam in Pseudo-Grande-Dame Pose als Gattin des Haus-besitzers (Oliver Huether) und überdies durch ihr - das Chaos noch steigernde - Bemühen, Pannen im Spiel unauffällig zu vertuschen.

Die Hoffnungen von Alexander Pschill als sich weltmännisch
gebender Angestellter einer Makler-Firma auf ein flottes Aben-
teuer mit einer puppenhaft attraktiven Zufallsbekanntschaft (Alma Hasun) gehen naturgemäß nicht auf, als schließlich noch
ein tapsiger Einbrecher (Heribert Sasse) für weitere Verwirrung sorgt. Und Martin Niedermair ist als Inspizient, der für so gut wie alles verantwortlich ist, heillos überfordert.

Unterhaltung pur


Nach der Pause folgt die zweite, aus der Backstage-Perspektive gezeigte Version des ersten Aktes während einer Tournée-Vorstellung, bei der sich überdies die Vorliebe des Regisseurs für junge Mitarbeiterinnen herausstellt. Und in der letzten Aufführung
gerät nicht nur der Text durcheinander, sondern auch Requisiten nehmen ein bedrohliches Eigenleben an.

Freilich könnte man den in seiner Art vom ersten bis zum letzten Moment geglückten Abend auch als bitterböse Metapher auf das zeitgenössische Theater sehen. Vordergründig aber bietet er zweieinhalb Stunden unbeschwerter Heiterkeit und endete mit anhaltendem Applaus und einer Extra-Ovation für Michael von Au, der trotz einer ernsthaften Verletzung in bravouröser Manier die Premiere nicht platzen ließ.