Später wird das Loch in der Wand das Antlitz eines lebensgroßen Stieres hängen: Der Bulle, Symbol des ökonomischen Aufschwungs, hängt ausgestopft an der Wand, aus seiner Nase tröpfelt langsam das Blut. Vor diesem Bild: "Die Hamletmaschine" von Heiner Müller, neunseitiges literarisches Nebenprodukt einer Shakespeare-Übersetzung, Abgesang auf eine Welt im Krieg - oder einen Frieden, der auf dem wackelnden Gerüst der Unterdrückung balanciert.

Regisseurin Christina Tscha-
ryiski versetzt den Text Müllers in ein sich das Burgtheater-Vestibül einfügendes "Museum". Bühnenbildnerin Sarah Sassen deutet einen Ausstellungsraum an - eine leere Wand mit einem Durchbruch an einer Stelle, wo wohl einst ein Kunstwerk hing, eine unvollständige Rüstung, eine leere Glasvitrine. Ein Geistermuseum, das sowohl apokalyptische Assoziationen einer untergegangenen Zivilisation als auch ganz konkrete an zu Ruinen geschlagenes Weltkulturerbe im Nahen Osten weckt.

Ignaz Kirchner, Christoph Radakovits und Marie-Luise Stockinger rezitieren Müllers Text ungekürzt, angereichert durch das Kürzestdrama "Herzstück". Vertraut die Regie Tscharyiskis durch Einsatz allzu vieler Regieeinfälle anfangs zu wenig auf die Kraft des Textes, gerät dieser mit Fortschreiten der Inszenierung immer stärker in den Vordergrund. Dass die Regie dabei auf eine eindeutige Interpretation des Textes zugunsten einer beunruhigenden Ambivalenz verzichtet, macht den Abend zur zeitlosen und dadurch erst umso aktuelleren Beschäftigung mit dem Zustand unserer (westlichen) Welt.

theater

Die Hamletmaschine

Von Heiner Müller

Regie: Christina Tscharyiski

Burgtheater/Vestibül