Neue Formen, neue Inhalte, neue Direktheit: Das Kinder- und Jugendtheater ist wild, laut, anarchisch. Bild oben: Silke Grabingers für den Stella 15 nominiertes Tanzstück "Booom!!!", unten: "Blutschwestern", die jüngste Inszenierung von Neo-Dschungel-Intendantin Corinne Eckenstein. - © Ulli Stelzer (o.), Rainer Berson (u.)
Neue Formen, neue Inhalte, neue Direktheit: Das Kinder- und Jugendtheater ist wild, laut, anarchisch. Bild oben: Silke Grabingers für den Stella 15 nominiertes Tanzstück "Booom!!!", unten: "Blutschwestern", die jüngste Inszenierung von Neo-Dschungel-Intendantin Corinne Eckenstein. - © Ulli Stelzer (o.), Rainer Berson (u.)

Wien. "Dieses Stück ist für alle, die zu viel wollen. Wir wollen noch mehr." So beginnt "Blutschwestern", die jüngste Inszenierung von Corinne Eckenstein im Dschungel. Fünf Tänzerinnen tragen in dieser Aufführung für Jugendliche ab 13 ihr Herz auf der Zunge, geben Einblicke in die Befindlichkeiten junger Frauen - vom Schönheitswahn bis hin zu Sexualität und Muttersein werden Aspekte des Frauseins auf der Bühne verhandelt. Die Texte stammen von den Tänzerinnen, man merkt ihnen die Dringlichkeit an. Die lässige Choreografie zitiert Elemente aus Popvideos, vertraut aber gleichermaßen auf Bewegungsabläufe, bei denen die Performerinnen eine Art Kraftfeld entwickeln.

"Blutschwestern" macht klar: Theater für ein junges Publikum ist wild, laut, anarchisch - und hat sich längst vom bieder-betulichen Märchenonkel-Image entfernt. Am Freitag (23. Oktober) werden die Stellas, die Preise für Kinder- und Jugendtheater, im Dschungel verliehen. Bis zum Wochenende kann man Aufführungen von Gruppen aus ganz Österreich sehen, es gibt Symposien und Workshops (siehe Kasten). Anlass für eine Standortbestimmung: Wo steht das Kinder- und Jugendtheater heute?

Kindertheater boomt

Vom Weihnachtsmärchen, das ab Mitte des 19. Jahrhunderts das Zeitalter des kindgerechten Bühnenspiels einläutete, hat sich das Angebot mittlerweile zu einer veritablen "vierten Sparte" entwickelt. Inhaltlich gibt es so gut wie keine Tabus mehr, formal-ästhetisch wird derzeit so viel gewagt wie vielleicht noch nie in diesem Genre, das häufig von pädagogischen Vorbehalten geknebelt wurde.

Kaum eine größere Bühne kommt heute noch ohne Angebote für ein junges Publikum aus und auch das Stadttheater agiert zunehmend experimentierfreudig: Das Burgtheater bietet mit der "Jungen Burg" nicht nur Aufführungen (im November hat "Pünktchen und Anton" Premiere), sondern auch Spielclubs und Workshops an; am Volkstheater baut Theaterpädagogin Constance Cauers ein umfangreiches Vermittlungsprogramm auf, das gezielt soziale Randgruppen ansprechen will, auch eigene Stücke werden erarbeitet. Am 7. November feiert "Ausblick nach oben" im Volx/Margareten Premiere, auf der Bühne stehen 17 Jugendliche im Alter von zehn bis 18 Jahren, sie werden über Arbeit, Arbeitslosigkeit und Armut performen.

Das Angebot kommt gut an: Spielclubs sind ausgebucht, Kindervorstellungen ausverkauft. Von Rekordauslastungen berichtet regelmäßig das Wiener Theater der Jugend, das mit fast 47.000 Abonnenten nicht nur das älteste, sondern auch größte Theater in diesem Bereich ist. Auch in Linz (U/Hof, Theater des Kindes) Graz (TAO) und Salzburg (Toihaus) erweisen sich Bühnen, die sich ausschließlich auf Junge spezialisiert haben als Publikumsrenner.

Dabei bestreiten fixe Häuser nur einen kleinen Teil der Premieren. Die Assitej Austria, eine Dachorganisation des Theaters für Kinder und Jugendliche, die seit 2007 den Stella-Theaterpreis vergibt, verzeichnet österreichweit hundert Organisationen und Gruppen als Mitglieder. Mehr als tausend Menschen seien schätzungsweise ständig im Bereich Kinder- und Jugendtheater tätig, etwa zwei Drittel arbeiten im freien Bereich.

"Auf Augenhöhe"

So wie Regisseurin und Choreografin Corinne Eckenstein. Seit 20 Jahren leitet sie das Theater Foxfire, eine der renommiertesten freien Gruppen im Jugendtheaterbereich. Nach der Trilogie über Lebenswelten junger Männer - "Boys awakening" ist nun für den Stella nominiert - geht es in den soeben uraufgeführten "Blutschwestern" ausschließlich um Weiblichkeit. "Ich möchte junge Frauen nicht, wie häufig im Kinder- und Jugendtheater entweder als Prinzessin oder Heldin à la Pippi Langstrumpf darstellen, sondern sie in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit erfassen", sagt Eckenstein im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

In der kommenden Spielzeit wird die Schweizer Theatermacherin den Dschungel, das 2005 von Stephan Rabl gegründete Kindertheaterhaus im Museumsquartier, übernehmen. Ein Eckpfeiler ihres Programms wird die verstärkte Teilhabe von Jugendlichen sein. Wie bei bisherigen Eckenstein-Produktionen entwickeln Jugendliche gemeinsam mit Profispielern Stücke, die dadurch besonders nah an der Lebenswirklichkeit junger Menschen sind. Eckenstein: "Wir arbeiten auf Augenhöhe miteinander und ohne Tabus."

Mit einem ähnlichen Zugang feiert das Junge Theater Basel, bei dem Eckenstein auch erste Theatererfahrungen sammelte, seit Jahrzehnten beachtliche Erfolge. Inszenierungen mit renommierten Regisseuren wie Sebastian Nübling generieren überregionale Beachtung, so war das Junge Theater Basel bereits mehrmals bei den Wiener Festwochen zu Gast, zuletzt mit "Noise!", das für den diesjährigen Nestroy in der Kategorie "Beste Regie" nominiert ist. "Diese Aufmerksamkeit hilft uns kulturpolitisch ungemein", räumt Intendant Uwe Heinrich gegenüber der "Wiener Zeitung" ein. In Basel werde eben nicht für ein "Publikum von morgen" produziert, so Heinrich, "es geht um relevantes Theater für den Moment".