Der Niedergang der herrschenden Klasse: Andrea Wenzl und Peter Knaack in "Wassa Schelesnowa". - © Georg Soulek
Der Niedergang der herrschenden Klasse: Andrea Wenzl und Peter Knaack in "Wassa Schelesnowa". - © Georg Soulek

Der wankende gesellschaftliche Boden in der Endzeit der europäischen Kaiserreiche bis ins Heute weitergedacht. Volatilität, Unbeständigkeit bei den Sachwerten und im Kern der Gesellschaft, der Familie. Einleuchtend das Sinnbild dafür von Andreas Kriegenburg und seinem Bühnenbildner Harald B. Thor im Burgtheater. Wie eine Schiffschaukel hängt ein gewölbter Bretterboden an vier Seilen vom Schnürboden, wird flach- und steilgekippt, fährt in die Höhe und zurück. Die Bohlen sind, zum Runterrutschen und Hinaufkrabbeln, gebogen wie Fassdauben. Nix is fix.

Ein Bühnenaggregat wie eine nie ruhende Filmkamera, wenn sie Wechselreden folgt. Sie sichert den unmusikalisch-verspannten Zimmerkonversationen Dynamik, Anmut, wehmutsvolle Heiterkeit. Die zehn Akteure sausen wie Insekten über das rohe Gerüst in Kleidern von Andrea Schraad, weiß, reich verziert, in wunderbaren Nuancen. Gleich erstarrt die Szenerie zum Familienfoto. Bilder zum Sich-daran-Vollsaugen. Gewiss ein Übermaß an akrobatischer Manier und Moskauer Avantgardereminiszenzen. Ermüdung? Die hält konzertierte allerfeinste Schauspielkunst hintan. Zweieinhalb Sternstunden eines atemraubenden Ensembles, geführt vom einstigen Hausregisseur, der nach 15 Jahren an die Burg zurückkehrte.

Großmutter geht über Leichen


Russland auf dem Lande, nach der vergeblichen bürgerlichen Revolte von 1905. Kein stilvoll abgewirtschaftetes Feudalgut wie bei Tschechow. Gorki schiebt den Niedergang der herrschenden Klasse den ländlichen Gründerzeit-Aufsteigern zu. Die Familie Schelesnow kam mit Ziegeln und Fliesen zu Vermögen. Der Patron liegt im Sterbebett, der Kompagnon, sein Bruder, droht sein Geld aus der Firma zu ziehen. Wassa Schelesnowa, Ehefrau, Mutter und Großmutter, führt das Regiment. Sie geht über Leichen, rettet den Besitz und verliert dabei ihre Kinder. Im finalen Zusammenbruch bekennt sie: "Viel Böses, viel Sünde lastet auf mir - wenn auch gegen nichtsnutzige Menschen; trotzdem, ich habe Mitleid mit ihnen, auch wenn ich sie ruiniere." Ein solcher Akkord der Sprachen von Religion und Kapital zerstört Glück, Lebenschancen, Humanität.

Im politischen Exil auf Capri vollendete der auf den Bühnen halb Europas schon erfolgsverwöhnte Gorki ("Kleinbürger", "Nachtasyl") das Familiendrama noch unter dem Titel "Die Mutter". Aufgeführt wurde es 1911 in Moskau, nur im verschworenen Kreis. Als sowjetischer Staatsdichter fügte Gorki 1935 eine proletarische Hoffnungsfigur, die Revolutionärin Rachel, in die Untergangspartie ein. Das Burgtheater wählte mit besten Gründen die in der DDR unterdrückte Urfassung, übersetzt von Andrea Clemen.