Werdet wütend: Hanna Binder in "Räuber" im Werk X. - © Y. Haddad
Werdet wütend: Hanna Binder in "Räuber" im Werk X. - © Y. Haddad

Am Theater wird wieder polemisiert und politisiert. Mögen sich auch die Grundlagen der Realpolitik in globaler Unübersichtlichkeit extrem verändert haben - auf der Bühne geht man neuerdings lustvoll an die Schmerzgrenzen des Spätkapitalismus.

Seit Brecht und der späten Hochblüte des politischen Theaters im Zeichen der 1968er-Bewegung positionierte sich die Polit-Spielform als linke Gesellschaftskritik. Kritische Stücke wurden dabei überwiegend mit herkömmlichen Bühnenmitteln erarbeitet: Es gab eine nachvollziehbare Handlung mit stringenter Figurenentwicklung, der dramatische Konflikt entfaltete sich rund um ein gesellschaftspolitisches Thema - und insgeheim hofften alle auf einen Skandal. Das Modell hat jedoch an Brisanz verloren, die Skandale bleiben aus.

Wildes Denken


Derzeit probieren Theatermacher aber neue darstellerische Formen des Politischen. In Wien kann man dieser Tage dazu zwei höchst unterschiedliche Zugänge erleben.

Im Meidlinger Werk X steht mit "RÄUBER das leben stiehlt auch nur vom tod (SCHREI SCHILLER SCHREI)" eine Klassikerüberschreibung auf dem Spielplan, und das Schauspielhaus zeigt mit "Möglicherweise gab es einen Zwischenfall" erstmals ein Stück des britischen Radikal-Poeten Chris Thorpe in Wien.

Schillers "Räuber" (uraufgeführt 1782) gilt als Stück der jugendlichen Auflehnung. Karl Moor, der idealistische Held und selbsternannte Robin Hood der böhmischen Wälder, wird Opfer der Intrige seines jüngeren Bruders Franz und gerät unter die Räder der Macht. Schiller reizt zum Weiterdenken. Im Werk X bleiben in der Inszenierung von Pedro Martins Beja aber nur mehr rudimentäre Handlungsstränge über; dafür wird Schillers Jugendstück mit Texten aktueller aktivistischer Polit-Bewegungen aufgeladen: "Ich will, dass ihr alle wütend werdet." Die Macht, bei Schiller durch den Vater personifiziert, wird nun, wenig überzeugend, als schwächelndes Europa konfiguriert.

Das fünfköpfige Ensemble - allen voran Dennis Cubic als lässiger Antiheld Karl und eine herrlich diabolische Hanna Binder als Konterpart Spiegelberg - besticht dagegen durch eine extrem körperintensive Darstellungsweise. Der Bruderzwist wird etwa als veritabler Zweikampf dargestellt: Dennis Cubic und Daniel Wagner ringen schweißtreibend miteinander. In einer weiteren beeindruckenden Szene brennt minutenlang ein Feuer auf der Bühne, während Cubic sich die Seele aus dem Leib schreit. Worum es in der knapp 80-minütigen rasanten Aufführung eigentlich geht, bleibt dagegen unklar. Offenbar interessiert sich Regisseur Beja weniger für Sinnzusammenhänge als für sinnliche Darstellungen.

Ganz anders - geradezu ätherisch-unkörperlich und extrem nüchtern - geht es hingegen im Schauspielhaus bei der Inszenierung von "Möglicherweise gab es einen Zwischenfall" zu.

Der britische Dramatiker Chris Thrope verzahnt in dem sprachlich beachtlichen Text drei fingierte Biographien, welche Krisen und Katastrophen unserer Zeit vereinen: Da ist die ehemalige Bürgerrechtlerin, die zur Diktatorin wird; ein Opfer eines Flugzeugabsturzes kommt zu Wort sowie ein Zivilist, der an den Tank Man gemahnt, jenen Demonstranten auf dem Tiananmen-Platz, der zu einer Ikone der 1989 gescheiterten Revolte in China wurde.

Thorpes wildes Denken pendelt zwischen Opfern und Tätern, wirkt in seiner politischen Positionierung oft unentschieden und verweigert sich dem Konsens - würde also die Chance für neue künstlerische Herangehensweisen eröffnen.

Bedauerlicherweise entwickelt Regisseur Marco Štormann zu dem Stück keine Haltung. Die Akteure (Steffen Link, Sophia Löffler, Vassilissa Reznikoff) liefern, an Schreibtischen sitzend, frontal zum Publikum, ihre Texte ab, man vermeint, das Papier rascheln zu hören. Das Unternehmen ist arm an szenischen Einfällen, vermag den komplexen Text nicht zu vermitteln.

Beide Aufführungen überzeugen nicht restlos. Dennoch spricht vieles für deren Bemühungen, die Suche nach neuen Artikulationsformen des Politischen auf der Bühne zu forcieren. Das Theater wird wieder einmal als politisches Forum entdeckt. Ein Beginn.