Verschwenderische Klangfülle: Garanča in Wien. - © Staatsoper/Pöhn
Verschwenderische Klangfülle: Garanča in Wien. - © Staatsoper/Pöhn

(irr) Als sich Antonín Dvorak, der große Symphoniker, im Herbst seines Lebens auf die Oper konzentrierte, war der Erfolg enden wollend. Der Starkomponist musste nicht nur zusehen, wie so manches seiner Stücke durchfiel; er bekam auch noch wohlmeinende Tipps. Er solle, so hieß es etwa, todgeweihte Figuren nicht übereilt sterben lassen – den Tod gelte es nämlich auszukosten auf der Opernbühne.

Tatsächlich ist das so etwas wie eine goldene Regel der Zunft, und kaum einer hat sie so geflissentlich beherzigt wie Jules Massenet. Eine geschlagene Viertelstunde lässt er den Selbstmörder Werther – mit bereits durchschossener Brust – auf den letzten Atemzug zusiechen. Wobei: Das Leidenspathos hat im Fall der Goethe-Vertonung eine gewisse Berechtigung. Immerhin ist der Weltschmerz des jungen Werther vom ersten Ton an Handlungsmotor und treibt die übrigen, eher maßvollen Figuren an – nicht zuletzt die geliebte, doch hoffnungslos vergebene Charlotte.

In der aktuellen Spielserie der Staatsoper verkörpert Matthew Polenzani den Schmerzensmann. Ein Tenor, der Spannung aus Stille zu formen wüsste, ist er leider nicht. Nur im schallstarken Moment, da mutiert er zu einem Supermann der Inbrunst und singt Himmel und Hölle nieder.

Der gehörnte Albert – in Gestalt von Markus Eiche – ist zwar auch nicht kleinlaut, leidet aber an Intonationsproblemen. Damit agiert er ähnlich wie das Orchester unter Frédéric Chaslin: Zu schwammig musiziert es, als dass der an sich satte Klang unter die Haut gehen könnte. In Summe (und auch dank Hila Fahima als putziger Sophie) gelingt aber doch eine Demonstration von solidem Mittelmaß.
Über dieses ragt nur Charlotte selbst hinaus, verkörpert von Elina Garanca. Dass sie ein Weltstar ist, erschließt sich zwar nicht vom ersten Ton an. Mit der Zeit aber stellt sich ihr typischer, weißglühender Klang mit dem warmen Vibratomantel ein und transportiert eine schier verschwenderische Leidenschaftsfülle – womit Garanca zum eigentlichen Werther dieses Repertoire-Abends wird. Jubel dafür.