"Auf jede schöne Frau kommt ein Mann, der es leid ist, sie zu nageln." Dieses Zitat von Hollywood-Enfant-Terrible Charlie Sheen in der Serie "Two and a half men" lässt vermuten, dass auch er seinen Georges Feydeau gelesen hat. In einer Szene des Stücks "Der Gockel", die das manische Partnerwechsel-Karussell drastisch auf den Punkt bringt, sagt Monsieur Pinchard zu jemanden, der eh auch gar nicht der Ehemann der gemeinten Frau ist, dass er diese Frau sofort gegen seine eigene (anwesende) Gattin eintauschen würde. Auf den Hinweis, dass seine doch auch reizend wäre, sagt Pinchard: "Ja, nur schon so lange."

Am Donnerstag hatte "Der Gockel", eine Art frivoler "Reigen" auf Speed, im Theater in der Josefstadt Premiere. Regisseur Josef E. Köpplinger arbeitet die mannigfaltigen Motivationen zum außerehelichen Beischlaf in diesem Stück heraus. Da gibt es den erwähnten Überdruss, da gibt es das langfristige, unerfüllte Begehren, da gibt es die nymphomanische Enthemmung - und da gibt es die Affäre als Strafe für selbst erfahrenen Betrug. So etwas hat Lucienne Vatelin (Pauline Knof) vor. Sollte sie ihren Mann (Michael Dangl) beim extramaritalen Exkurs erwischen, werde sie sich endlich auch einschlägig betätigen.

Keine Tür knallt zu spät


Gleich zwei Männer, Rédillon (hartnäckig bis zur Selbstaufgabe: Roman Schmelzer) und Pontagnac (Dominic Oley), würden ihr nur zu gern bei dieser Wahrheitsfindung mit anschließender Urteilsvollstreckung helfen. Bis dahin werden sich aber noch viele unterschiedliche Leiber über ein Hotelbett wälzen und nicht immer in gegenseitigem Einverständnis.

Das Bühnenbild (Judith Leikauf und Karl Fehringer) versetzt das schamlose Spiel optisch in ein biederes 50er-Jahre-Ambiente - ein vielsagender Gegensatz zur Explosion der Unmoral auf der Bühne - sozusagen als Swingerclub für Zugeknöpfte. Es legt aber auch die Vermutung nahe, dass das schon das Höchste an Gegenwart ist, an die sich dieses Feydeau-Stück rücken lässt. Denn Köpplinger gelingt es nicht ganz, den doch etwas angestaubten Boulevard im Heute zu rechtfertigen. Das rasant spielende Ensemble trägt daran keine Schuld, vor allem im turbulenten zweiten Akt ist es furios. Keine Pointe, die nicht sitzt, keine Tür, die zu spät knallt. Martin Zauner und Susanna Wiegand sind als Ehepaar Pinchard komödiantisches Edelpersonal, Siegfried Walther und Alexandra Krismer als Ehepaar Soldignac suhlen sich im englischen Akzent, sie außerdem in Liederlichkeit, er in Dreistigkeit. Michael Dangl nimmt man den nach einem einmaligen Seitensprung um Moralwiederherstellung bemühten Vatelin ab - soweit man das überhaupt soll. Pauline Knof schafft als Lucienne die Balance zwischen kühler Kontrolle und hektischer Hysterie. Dominic Oley wiederum als Pontagnac, der unglückliche Stalker der Madame Vatelin, lebt das Gefühlschaos.

Unterschwellige Grausamkeiten von Feydeaus Stück (von sexuellen Belästigungen des Dienstpersonals bis zu Pinchard, der mit seiner tauben Frau nicht nur zuvorkommend umgeht) gehen in den temporeichen Lustbarkeiten leider etwas unter. Edith Piaf singt dazu "Je ne regrette rien". Die Platte bleibt hier freilich immer hängen: So ganz vom Fleck kommt auch die Inszenierung nicht.