Wenn man bedenkt, dass das vor genau 100 Jahren begonnene Original von Karl Kraus es als Hörspiel auf Laufzeiten von 23 CDs gebracht hat, klingt es wie eine gefährliche Drohung, wenn Hosea Ratschiller bei seiner szenischen Lesung "Der allerletzte Tag der Menschheit" das gesamte Manuskript ankündigt. Nach ein paar Minuten würde man sich aber genau das sogar wünschen und nicht nur einen zweistündigen Auszug.

Denn was Ratschiller - musikalisch passend begleitet vom Duo RaDeschnig an Klavier, Klarinette, Blockflöte, Ziehharmonika - abliefert, hätte Kraus sicher begeistert. 100 Jahre später schildert er, wie Österreich erwacht und auf den Weltkrieg wartet. Der Bogen wird dabei von Politik über Wirtschaft und Gesellschaft bis Geistlichkeit gespannt - manchmal auch überspannt. Aber das ist gut so, denn Ratschillers Humor ist nicht nur rabenschwarz, sondern auch feingeistig. Und er ist ein begnadeter Nachahmer.

Nach einer halben Stunde kommt die erste Perücke zum Einsatz. Nach einer Stunde wird eine der Figuren ein bisschen geschmacklos, aber auch das passt ins Bild. Nach eineinhalb Stunden ist er dann endgültig mittendrin in einer bissigen Gesellschaftskritik, die sich gewaschen hat. Das alles mit Nonchalance und einem glattrasierten Milchbubengesicht, dem man solche Bösartigkeiten erst gar nicht zutrauen würde.

Kabarett

Der allerletzte Tag der Menschheit

von und mit Hosea Ratschiller

Termine 27.11., 30.1., 19.2., 2.4.

Kabarett Niedermair