Volker Löschs Inszenierungen haben noch jedes Mal den Ort, in dessen Theater sie stattfinden, in Unruhe versetzt. Weil er betroffene Bürger zu Wort kommen lässt. Arbeitslose in den "Webern", Prostituierte in der "Lulu", Alleinerziehende in den "Ratten". In Dresden ist es diesmal andersrum. Heuer bringt er als Melange mit Max Frischs "Graf Öderland" die Dresdner Pegida-Verunsicherung in der Stadt auf die Bühne.

Seit mehr als einem Jahr sorgen in Dresden jeden Montag tausende selbsternannte patriotische Europäer in ihrem Kampf gegen die Islamisierung des Abendlandes für Schlagzeilen. Und Schlagworte. Wobei da schon des Wortes doppelte Bedeutung immer mehr mitschwingt. Die wachsende Militanz der Dresdner Wutbürger sorgt dafür, dass die Imagebäume vom weltoffenen Deutschland mit dem weiten Herzen nicht in den Himmel wachsen, dass Touristen wegbleiben und die Stadt zum Synonym für Fremdschämen wird. Auch weil der Aufstand der vielbeschworenen Mitte der Gesellschaft bisher mager ausgefallen ist und jede Woche ein neues Tabu fällt. Galgen für die Kanzlerin, Angriffe auf die Medien .. . Demokratischer Diskurs geht anders.

Aufstand mit der Axt


Jetzt also Max Frischs "Graf Öderland", kombiniert mit der Textcollage "Wir sind das Volk". Der literarische Teil der Vorlage aus den 50er Jahren handelt von einem Staatsanwalt, der als Einziger den Mörder, den er anklagt, versteht und selbst wie einst der märchenhafte Graf Öderland mit der Axt loszieht und zum Anführer eines Aufstands gegen die Ordnung wird. Am Ende erwacht der Staatsanwalt aus diesem Alptraum, aber um ihn herum steht alles in Flammen.

Doch es sind die vom Chor (echter) Dresdner Bürger immer wieder dazwischen gesprochenen Pegida-Sprüche selbst im Schutzraum des Theaters, die schwer zu ertragen sind. Sätze wie "Die sind wie Tiere, und noch schlimmer. Ab nach Auschwitz und Buchenwald! Da ist genügend Platz." Dagegen klingen der Kampfbegriff "Lügenpresse" oder das immer wieder skandierte "Merkel muss weg" fast schon harmlos. An diesem Abend bietet das Staatsschauspiel Dresden weniger die Ausgrabung eines mittelmäßig aufregenden Stücks von Max Frisch als vielmehr einen Schnellkurs über die Sprachverrohung - draußen vor der Tür. Öderlands (Ben Daniel Jöhnk) Aufstand mit der Axt als Zeichen und Mordwerkzeug wird da zum Menetekel. Wirklich berührend wird dieser - auch als politisch korrektes Statement des anderen Dresden gemeinte - Abend, wenn die Wirklichkeit ganz individuell und direkt auf die Bühne trifft. Etwa, wenn eine junge Frau davon erzählt, wie sie fast totgeschlagen worden wäre, weil sie einem Deutschtürken in einer brenzligen Situation geholfen hat. Vor allem aber, wenn der 17-jährige Syrer Joussef Safok in exzellentem Deutsch mit Smilie-T-Shirt ganz einfach von seiner Flucht, ihren Gründen und der Sehnsucht nach seiner Familie erzählt. Beides kann man im Programmheft nachlesen. Wenn dann Thomas Ranft in der Maske von Kanzlerin Angela Merkel und ihr ausgestopfter Begleiter aufkreuzen, um ein Selfie mit ihm zu machen, dann ist das einer der wenigen Momente von aufflackernder Hinterfragung, um die es an diesem Abend aber nicht geht. Das Appellierende - darum geht es hier - trifft Annedore Bauer am besten, die sich, als sie selbst, zu einer fulminanten Wutrede gegen die Gleichgültigkeit und das Wegschauen der sogenannten bürgerlichen Mitte aufschwingt und sich nicht scheut, Ross und Reiter aus der Politik zu nennen. Es ist weniger dieser im Ganzen aufregende Theaterabend selbst, der an die Nieren geht - dafür sorgen mehr die Vorlagen, die die deutsche Wirklichkeit beisteuert. Und wenn man sich selbst bei der Überlegung erwischt, ob es denn ein Sicherheitsrisiko birgt, nach Dresden zu fahren, um dort ins Theater zu gehen, ist das ein erschreckendes Symptom.

Zur Premiere konnte man. Und den Stand auf dem Weihnachtsmarkt an der Frauenkirche mit dem köstlichen orientalischen Gulasch, den gibt es auch noch.