"Darm mit Charme" heißt ein Buch, das sich zuletzt hartnäckig an der Spitze der deutschsprachigen Bestsellerlisten hielt. Es brachte schon mit dem nonchalanten Titel auf den Punkt, wie besessen wir einerseits von unseren auch noch so unpräsentablen Organen sind. Und wie leger sich diese Besessenheit in unserem Alltag eingerichtet hat. Es dauert nur ein paar Minuten in Herbert Fritschs Inszenierung von "Der eingebildete Kranke" im Wiener Burgtheater, bis auch "Darm mit Charme" erwähnt wird.

Aber nur kurz. Denn eine solche Verortung des Stücks von Molière in unserer Gegenwart interessiert den Regisseur nicht im geringsten. Und Fritsch hat ja das Glück, dass sich "Der eingebildete Kranke" ohnehin ganz von selbst ins Heute transponiert - die Hypochondrie hat sich in Zeiten der phobischen Ernährung und des Gesundheits-Lifestyles als universelles Lebensgefühl etabliert. Und das ist wohl auch der Grund, warum man Fritsch seinen überbordend karnevalesken Zugang zu Molière nicht nur verzeiht, sondern sich davon unterhalten lässt - auch wenn mitunter krachend über die Grenze zur totalen Blödheit hinübergeschrammt wird.

Otto Waalkes im Rokoko


Joachim Meyerhoff spielt hier, brillant wie immer, den multimaladen Argan, optisch als Mischung aus Doc Brown aus "Zurück in die Zukunft" (irre Mähne) und Frank’n’Furter aus "Rocky Horror Show" (das Stützkorsett als Fashion-Accessoire). Er ist in seinem vergleichsweise zurückhaltenden Vor-Sich-Hinleiden, das von Schüben absurden Slapsticks rund um eins der drei selbstspielenden Cembali unterbrochen wird, fast schon ein Ruhepol im aufgedrehten restlichen Ensemble. Vor allem Markus Meyer glänzt als Gegenpol Toinette in einer Rokoko-Robe aus grünen Gummihandschuhlatex-Volants mit rasendem körperlichen Travestie-Spiel. Viel passiert hier über die Bewegung, Marie-Luise Stockinger als Argans Tochter Angelique etwa schüttelt beständig den ganzen Körper, als wäre ihr ein Metronom für Technomusik eingebaut. Dorothee Hartinger als Argans doppelgesichtige Frau Belinde hingegen schwebt in ihrem gigantischen Reifrock in Rosa heimtückisch einher. Laurence Rupp als Angeliques bevorzugter Geliebter Cléante springt wie Otto Waalkes über die Bühne, der Angelique vom Vater zugedachte Thomas (Simon Jensen) übt sich im Jubelhüpfer, wie man ihn aus "Wickie und die starken Männer" kennt. Argans Familie ist mit blendend bunter Barocküppigkeit ausgestattet (Kostüme: Victoria Behr), während die scharlatanischen Ärzte (Ignaz Kirchner, Johann Adam Oest) wie Zombies über die Bühne wackeln und bizarr lange Fingernägel haben, die eine erfolgreiche Behandlung ohnehin von vornherein ausschließen. Herbert Fritsch hat sehr sinnlich inszeniert: Viel Humor kommt hier über die Musik, eine Art Faux-Barock-Stummfilm-Soundtrack (Ingo Günther), und von der Optik, etwa wenn Hermann Scheidleder als Notar-Sitzriese unter wogenden Volants in Steingrau auf die Bühne - die übrigens nur mit einfärbbaren Röntgenbildern dekoriert ist - rollt.

Molière-Puristen werden freilich nach einem erlösenden Klistier hecheln, denn den Text hat Sabrina Zwach ziemlich durch die Mangel gedreht, damit auch Wendungen wie "die Prostata gentrifizieren" oder, weniger elaboriert, "Apropos Po" unterkommen.

Apropos Po: Spätestens wenn Argan dem Publikum und seinem Arzt verzweifelt hartnäckig den blanken, untersuchungsgeilen (Fake-)Hintern unter die Nase streckt, ist klar, dass diese Inszenierung nicht jedermanns Sache sein wird. Wer sich aber einlässt auf ein manisch-spielfreudiges Ensemble, das sich die Freiheit der Albernheit ganz selbstverständlich nimmt, wer gerne lacht, ohne zu wissen, warum er jetzt gerade lacht, und wer keine Lust hat auf entweder zu klassisch inszeniertes Theater oder zu verbissen modernisiertes, der wird sich bei Herbert Fritsch aufgehoben fühlen. Und Freunde von Furzkissen, die auch.

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