Michael Niavarani hat im Alter von 45 Jahren zum ersten Mal ein Shakespeare-Stück gelesen – jetzt leitet er das Globe Wien. Bei der DVD-Präsentation zur laufenden Eigenproduktion "Die unglaubliche Tragödie von Richard III.", in der er den Schuster William Forrest spielt, verriet er im Triple-Interview mit seinen Bühnenpartner Bernhard Murg (spielt den Koch Frederick Dighton) und Michael Pink (Richard III.), warum er vom Verweigerer zum Fan wurde.

Richard III. (gespielt von Michael Pink, rechts, mit Bernhard Murg) war nicht das Monster, als das er oft beschrieben wird, ist Michael Niavarani überzeugt. - © Jan Frankl
Richard III. (gespielt von Michael Pink, rechts, mit Bernhard Murg) war nicht das Monster, als das er oft beschrieben wird, ist Michael Niavarani überzeugt. - © Jan Frankl

"Wiener Zeitung": Wer ist ordinärer: William Shakespeare oder Michael Niavarani?

Bernhard Murg: Shakespeare. Eindeutig.

Michael Niavarani: Du hast ihn privat nicht gekannt. Wir reden jetzt von der Bühne, oder? Bei Shakespeare ist es eine Kombination des Derben mit dem Lyrischen, des Grauenvollen mit dem Schönen, und er geht in beide Richtungen. Das ganz Ordinäre ist ein Kontrapunkt zum ganz Lyrischen und Schönen. Und nachdem bei mir, wenn ich alleine auf der Bühne bin, wenig Schönes auf der Bühne ist, kann ich nicht so ordinär sein wie Shakespeare, weil ich den Kontrapunkt nicht habe. Aber wenn wir jetzt von expliziten derben Worten auf der Bühne sprechen, sind die bei Shakespeare um einiges expliziter und ausgesprochen derber als bei mir.


Wie sind Sie überhaupt auf Shakespeare gekommen?

Niavarani: Er hat sich bei mir gemeldet (lacht).

Voller Körpereinsatz auf der Bühne: Michael Niavarani und Bernhard Murg. - © Jan Frankl
Voller Körpereinsatz auf der Bühne: Michael Niavarani und Bernhard Murg. - © Jan Frankl

Murg: Weil du dich lange Zeit verweigert hast. Komplett. Das hat dich nicht interessiert. Und dann plötzlich war die Bekehrung da.

Durch Bernhard Murg?

Niavarani: Nein, durch meine Lebensgefährtin. Man macht ja, wenn man verliebt ist, ganz verrückte Sachen, und ich habe mir ein Theaterstück von Christopher Marlowe angesehen: "Edward II." im National Theatre. Ich wollte eine Nierenkolik vortäuschen, weil ich gesehen habe, das dauert drei Stunden, und dann reden die ja in elisabethanischem Englisch, wo, wie mir meine Cousine, die in England geboren und aufgewachsen ist, auch die Engländer bis zu 60 Prozent des Textes nicht verstehen. Weil da alte Worte vorkommen, von denen heute keiner mehr weiß, was das heißt. Und dann war ich da drinnen und war unglaublich fasziniert. Das war eine der interessantesten und spannendsten Produktionen, die ich je gesehen habe. Ich hatte damit gerechnet, dass ich 80 Prozent des Textes nicht verstehen würde – im Endeffekt habe ich 99 Prozent nicht verstanden. Aber ich habe trotzdem in jeder Szene gewusst, worum es geht. Mir war keine Sekunde langweilig, und ich hab mir gedacht, das gibt’s ja nicht, das ist von Marlowe, wo alle sagen, dass Shakespeare noch besser ist. Und da habe ich mit 45 Jahren zum ersten Mal Shakespeare gelesen.

Wieviel haben Sie da verstanden?