• vom 17.12.2015, 14:34 Uhr

Bühne

Update: 17.12.2015, 16:17 Uhr

Interview

"Shakespeare hat sehr viel Humor drinnen"




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Richard III. (gespielt von Michael Pink, rechts, mit Bernhard Murg) war nicht das Monster, als das er oft beschrieben wird, ist Michael Niavarani überzeugt.

Richard III. (gespielt von Michael Pink, rechts, mit Bernhard Murg) war nicht das Monster, als das er oft beschrieben wird, ist Michael Niavarani überzeugt.© Jan Frankl Richard III. (gespielt von Michael Pink, rechts, mit Bernhard Murg) war nicht das Monster, als das er oft beschrieben wird, ist Michael Niavarani überzeugt.© Jan Frankl

Voller Körpereinsatz auf der Bühne: Michael Niavarani und Bernhard Murg.

Voller Körpereinsatz auf der Bühne: Michael Niavarani und Bernhard Murg.© Jan Frankl Voller Körpereinsatz auf der Bühne: Michael Niavarani und Bernhard Murg.© Jan Frankl

Bernhard Murg ließ sich für die Produktion die Haare wachsen. Wie kommt die neue Frisur bei seiner Frau an? Die sei nicht so begeistert gewesen, erzählt er.

Bernhard Murg ließ sich für die Produktion die Haare wachsen. Wie kommt die neue Frisur bei seiner Frau an? Die sei nicht so begeistert gewesen, erzählt er.© markuswache.com Bernhard Murg ließ sich für die Produktion die Haare wachsen. Wie kommt die neue Frisur bei seiner Frau an? Die sei nicht so begeistert gewesen, erzählt er.© markuswache.com

Niavarani: Ich habe dann eine Ausgabemit dem Titel "No fear Shakespeare", also "Keine Angst vor Shakespeare", gelesen, da ist links der elisabethanische Text und rechts modernes Englisch. Ich habe natürlich das heutige Englisch gelesen, weil das elisabethanische wirklich wahnsinnig schwer zu verstehen ist. Dazu müsste man die verschiedenen Worte recherchieren und auch die Sprichworte kennen, die da vorkommen. Eigentlich muss man Kulturgeschichte studiert haben, und zwar englische Kulturgeschichte des 16. Jahrhunderts, um zu wissen, was Shakespeare da wirklich gemeint hat in diesen Pointen und Anspielungen. Ich war dann so fasziniert von "Macbeth", dass ich weitergemacht und als nächstes schon "Richard III." gelesen habe. Und . . .

Murg: . . . da haben dich die beiden erwischt.

Niavarani: Genau, die zwei Mörder in der Kerkerszene, die den Herzog von Clarence umbringen sollen. Das ist eigentlich eine Doppelconférence zwischen zwei Komikern, die geschickt werden von dem furchtbaren Tyrannen, Richard III., dem Intriganten, der seine halbe Familie umbringt, um König zu werden. Und die zwei Mörder zögern: Soll ma, soll ma net? Da müss ma uns verantworten. Wurscht, hau ma ihm eine am Hinterkopf. Und so weiter. Und da habe ich mir gedacht: Die zwei Figuren – aus deren Perspektive muss man das Stück erzählen, diese ganze grauenvolle Tragödie. So ist das entstanden.

Wie lustig ist Shakespeare im Original im Vergleich zu Ihrer Version von "Richard III.", was die beiden Mörder betrifft?

Murg: Sehr lustig. Aber sie haben im ursprünglichen Stück nicht so viel Platz, weil es eben aus der höfischen Sicht erzählt wird, aus dem Adel heraus. Da sind sie ja nur eine Randerscheinung. Und der Nia hat diese beiden Figuren halt komplett in die Mitte gerückt. Und die Geschichte wird komplett erzählt von den beiden, vom Anfang bis zum Ende führen die zwei Idioten (zeigt auf Niavarani und sich) durch die ganze Geschichte.

Niavarani: Wenn man jetzt die beiden Stücke miteinander vergleicht, dann ist genau das der große Unterschied. Aber Shakespeare selber hat in vielen Szenen sehr viel Humor drinnen. Es ist eigentlich eine Satire und ein Vorführen einer Figur. Richard III. wurde besiegt vom Großvater von Elisabeth I., der Königin zu Shakespeares Zeit, und der König der danach war, Heinrich VII., hat die Tudor-Dynastie gegründet und Richard III. umgebracht. Es ist eigentlich ein schmutziges Propagandastück. Richard III. war in Wirklichkeit weder bucklig, noch hat er die Kinder umbringen lassen. Er hat den Thron usurpiert, es war nicht ganz klar, ob er König werden kann oder nicht, er wurde es durch Intrigen – aber er war kein Monster. Im Originalstück "Richard III." wurden die ganzen Ereignisse so dargestellt, dass sie ihn auch lächerlich machen. Richard III. ist eine faszinierende Figur, weil eben nicht so ein grausliches Monster ist, sondern ein hinterhältiger, hinterfotziger Kerl, den man auch mögen kann.

Stimmt das so?

Michael Pink: Ja, tatsächlich ist im Original auch Richard III. der, der die Witze macht.

Niavarani: Wenn man "Richard III." im Original macht, braucht man so viel Vorwissen, das die Leute damals gehabt haben. Schon der erste Satz. Richard III. tritt auf und sagt: "Nun ward der Winter meines Missvergnügens glorreicher Sommer durch den Sohn von York." Als das Stück uraufgeführt wurde, hat damals jeder gewusst, wer damit gemeint ist, aber wir haben keine Ahnung. Die Engländer heute wissen es auch noch ungefähr, wer der Sohn von York ist, welcher Winter, wieso Winter, und wieso Sommer? Und da kommen so viele Textstellen vor, die ich nur verstehe, wenn ich das Vorwissen habe.

Die Theaterproduktion "Richard III." wurde im Frühjahr 2015 im Globe Wien aufgezeichnet. Die DVD-Box umfasst neben dem Stück (zwei Discs mit einer Spieldauer von insgesamt 166 Minuten) noch eine Bonus-DVD (188 Minuten) mit verschiedenen Makings-ofs, Interviews, Geburtstagseinlagen und auch "Richard III." als Oper: Die beiden Schauspieler Michael Pink und Oliver Rosskopf spielten - Pappmasken inklusive - alle und jeden und sangen auch noch. Dazu gibt es auch noch das Textbuch "Richard III." und die Programmzeitung mit Szenenfotos und Infos zu den Mitwirkenden und den historischen Vorlagen. Erhältlich um 40 Euro auf www.hoanzl.at und im Fachhandel.

Die Theaterproduktion "Richard III." wurde im Frühjahr 2015 im Globe Wien aufgezeichnet. Die DVD-Box umfasst neben dem Stück (zwei Discs mit einer Spieldauer von insgesamt 166 Minuten) noch eine Bonus-DVD (188 Minuten) mit verschiedenen Makings-ofs, Interviews, Geburtstagseinlagen und auch "Richard III." als Oper: Die beiden Schauspieler Michael Pink und Oliver Rosskopf spielten - Pappmasken inklusive - alle und jeden und sangen auch noch. Dazu gibt es auch noch das Textbuch "Richard III." und die Programmzeitung mit Szenenfotos und Infos zu den Mitwirkenden und den historischen Vorlagen. Erhältlich um 40 Euro auf www.hoanzl.at und im Fachhandel.© Hoanzl Die Theaterproduktion "Richard III." wurde im Frühjahr 2015 im Globe Wien aufgezeichnet. Die DVD-Box umfasst neben dem Stück (zwei Discs mit einer Spieldauer von insgesamt 166 Minuten) noch eine Bonus-DVD (188 Minuten) mit verschiedenen Makings-ofs, Interviews, Geburtstagseinlagen und auch "Richard III." als Oper: Die beiden Schauspieler Michael Pink und Oliver Rosskopf spielten - Pappmasken inklusive - alle und jeden und sangen auch noch. Dazu gibt es auch noch das Textbuch "Richard III." und die Programmzeitung mit Szenenfotos und Infos zu den Mitwirkenden und den historischen Vorlagen. Erhältlich um 40 Euro auf www.hoanzl.at und im Fachhandel.© Hoanzl

Murg: Und dann gibt es so Wortspiele wie Son (Sohn) und Sun (Sonne), die nur im Englischen funktionieren.

Niavarani: Und wenn ich weiß, dass der Richard jetzt lächerlich gemacht wird, weil die Dynastie der Königin, unter der ich jetzt lebe, ihn umgebracht hat, dann rezipiere ich das Stück ganz anders. Und dann lache ich auch über den Richard als Richard. Aber wir heute sehen ihn eigentlich nur als Monster, und viele Regisseure sind verwundert, dass der so witzige Sachen sagt.

Sie haben also das Geschichtsbild wieder geradegerückt . . .

Niavarani: Nein, er ist ja bei uns auch leider das Shakespear’sche Monster. Wir sind schon dem treu geblieben, wie Shakespeare es gesehen hat.

Wer hat den Text jetzt eigentlich effektiv geschrieben?

Niavarani: Eigentlich hat jeder Schauspieler zu diesem Text beigetragen. Michael Pink hat bei jeder Szene noch einmal extra im Original nachgeschaut . . .

Pink: Kann man das einfügen, die ganze Buckingham-Geschichte . . .

Murg: Wir haben viel improvisiert – und improvisieren immer noch.

Pink: Und darauf hat auch wieder meine Arbeit aufgebaut, im Shakespeare-Original nachzusehen, was man da adäquat verwenden kann, die Sprache zu benutzen.

Niavarani: Meiner Meinung nach ist ein Theatertext, den ein Autor liefert, vor allem, wenn es ich bin, unfertig und nichts weiter als eine Landkarte – die Reise müssen die Schauspieler machen. Und Autorentreue beim Theater ist vollkommener Schwachsinn. Umgekehrt, es muss Theatertreue von den Autoren geben, die Autoren müssen bereit sein, für die Bedingungen der Bühne ihre Texte zu verändern. Wenn ich sage, ich brauche da, dass die Person früher abgeht, dann darf der Autor nicht sagen: "Ja, aber der sagt am Schluss so einen schönen Satz . . ." Völlig wurscht! Der soll jetzt einfach nimmer da sein. Warum? Weil er sich umziehen muss. Es gibt oft ganz banale Gründe. Auch Shakespeare-Stücke sind so entstanden, im Theater. Der ist nicht alleine zuhause gesessen und hat sich was ausgedacht, sondern die haben das gemeinsam entwickelt. Und seine Stücke leiden unter anderem unter gewissen Bedingungen. Das hat halt einfach so sein müssen. Da musste an manchen Stellen einfach so ein langer Monolog sein, weil man sonst mit dem Umziehen nicht fertig geworden wäre.

Pink: Wobei man ja auch nicht genau weiß, wie die Stücke im Original ausgesehen haben. Die heutigen Versionen sind eher eine Art Best-of.

Niavarani: Was wir als Originaltexte haben, ist das, was die Schauspieler nach seinem Tod aus ihren verschiedenen Textbüchern zusammengetragen haben. Es gibt ganz, ganz wenige Stücke, bei denen man die genaue Szenenfolge kennt. Man weiß heute eigentlich nicht, was sie damals wirklich gespielt haben. Sicher kann man sich nur sein, dass sie nicht alles gespielt haben, weil es nicht länger als zweieinhalb Stunden dauern durfte. Einen sechsstündigen "Hamlet" hat Shakespeare also sicher nicht gespielt. Weil um 16 oder 17 Uhr die Messe begonnen hat, und da durfte nicht gleichzeitig Theater gespielt werden. Der Text ist also eine Vorlage für den Regisseur und die Schauspieler, mit deren Input dann die endgültige Fassung entsteht.

Pink: Wobei das in unserem Fall gut funktioniert hat, weil du auch als Autor mit dabei warst. Das hat man halt nicht immer. Aber es war schon zum Großteil da. Das, was auf der Bühne ist, ist schon das, was aufgeschrieben war. Es wurde nur verändert, Teile wurden woanders hingepackt, verlängert, verkürzt. Wir haben es dann über Monate bei den Proben und auch noch beim Spielen weiterverändert.

Das heißt, das Stück, das man jetzt im Dezember und Jänner noch im Globe Wien sieht, ist ganz anders als bei der Premiere?

Pink: Nicht nur in Details, sondern fast gar nicht mehr.

Niavarani: Es geht jetzt um Heinrich VIII. (alle drei lachen)

Von wann ist dann die DVD?

Niavarani: Die haben wir am Höhepunkt unserer Arbeit aufgezeichnet.

Pink: Aber da sieht man’s ja zum Beispiel, deshalb ist es gut, dass es die DVD gibt: Da sieht man auch viele Szenen, die es jetzt nicht mehr gibt, oder wie es sich verändert hat.

Niavarani: Umgekehrt sind ein paar Sachen noch gar nicht drin, die stehen dafür im Textbuch.

Wie wichtig waren die Kostüme für dieses Stück?

Niavarani: Sehr wichtig, weil wir ungern nackt spielen.

Murg: Wir haben nur die Kostüme als Stilmittel, weil wir quasi auf einer nackten Bühne spielen. Da sind die Kostüme wahnsinnig wichtig. Und für mich ist es außerdem extrem spannend, diese Dinge anzuziehen, weil sich das halt ganz anders anfühlt als Jeans und Turnschuhe. Die geben einem gleich eine andere Haltung, und das benützt man gleich auf der Bühne.

Pink: Und dazu kommt, dass früher viele Leute verschiedene Rollen gespielt haben. Da war es auch wichtig, ein klares Zeichen zu setzen, wer jetzt gerade wen spielt. Und mit historischen Kostümen ist es noch viel einfacher, das klar darzustellen. Und, ich meine, wir spielen in einem Nachbau des Globe-Theaters. Warum sollte das modernisiert werden? D as wäre eigentlich am Thema vorbei gegangen.

Niavarani: Vielleicht wird es einmal eine Produktion geben, in der wir in Anzug und Krawatte spielen. Aber noch nicht jetzt, das wäre zu früh. Das Spannende an den Kostümen ist vor allem immer, ob wir noch reinpassen.

Mit Blick auf die nächste Produktion "Romeo und Julia": Bei Shakespeare wurde ja die Julia von einem Mann gespielt – warum ist ihre Julia Sigrid Hauser und nicht Bernhard Murg oder Michael Niavarani?

Niavarani: Es gab im Globe in London Anfang der 1990er Jahre eine Zeit mit All-Male-Cast wie zu Shakespeares Zeit üblich. Sie haben damit auch "Richard III." gemacht, ich habe das gesehen, das ist großartig und wahnsinnig lustig. Das war auch eine Überlegung. Und ich glaube, wir sollten es einmal machen, weil es wirklich witzig ist. Es ist keine Travestie und keine Parodie – Männer in Frauenkleidern, hahaha –, aber für unser "Romeo und Julia" ist es nicht passend, weil das ja ein neues Stück ist. Es spielt 30 Jahre nach den Ereignissen in Verona, sie haben sich eben nicht umgebracht, sondern den Tod nur vorgetäuscht. Und in dieser Version muss wirklich eine Frau mitspielen.

Wieviel Ephraim Kishon ist drinnen?

Niavarani: Von Kishon ist die Idee, und mein erster Gedanke war auch, gleich sein Originalstück zu spielen, das ich schon einmal gespielt hatte. Aber dann habe ich es noch einmal gelesen und sehr gelacht und mich an den großen Spaß erinnert, den wir seinerzeit damit hatten: Es ist ein Kammerspiel für eine Guckkastenbühne, wo ich die Wohnung von Romeo und Julia hinbaue und dann ein wunderbares, sehr lustiges Kammerspiel habe. Das passt nicht auf die Shakespeare-Bühne. Es ist ein sehr, sehr lustiges Stück. Ich habe es gelesen und dann lange gebraucht, um es wieder zu vergessen, weil ich finde, man kann es nicht besser machen. Man kann es nur anders machen. Ich wollte in der Dramaturgie von Shakespeare sozusagen einen zweiten Teil dazuschreiben, aus der Tragödie eine Komödie machen, die an vielen verschiedenen Orten spielt, mit neuem Personal und einer neuen Geschichte. Ich habe also Kishons Grundidee genommen und sehr stark verändert. Es ist also letztlich ganz anders.




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Dokument erstellt am 2015-12-17 14:38:31
Letzte Änderung am 2015-12-17 16:17:06


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