Beherbergte zuletzt selbst eine Flüchtlingsfamilie: Johanna Doderer. - © Maria Frodl
Beherbergte zuletzt selbst eine Flüchtlingsfamilie: Johanna Doderer. - © Maria Frodl

Selten hat das Programm der Wiener Staatsoper so aktuell gewirkt: Ausgerechnet im Jahr der syrischen Flüchtlingswelle bringt sie ein neues, orientalisches Werk heraus. "Fatima oder Von den mutigen Kindern" heißt die Uraufführung am nächsten Mittwoch; die Musik stammt von der Österreicherin Johanna Doderer, die Geschichte vom syrisch-deutschen Schriftsteller Rafik Schami.

Von den politischen Geschehnissen im Nahen Osten ist das Stück allerdings nicht angeregt. Schon vor Jahren hat Direktor Dominique Meyer die Vorarlberger Komponistin mit einer Kinderoper beauftragt, Doderer wiederum hat sich einen Text von Schami gewünscht. Mit dem Bestsellerautor gab es aber gewisse Anlaufschwierigkeiten. Zwar stimmte er einer Zusammenarbeit sofort zu, hatte sogar schon ein fertiges Libretto in der Schublade. Das gefiel der Tonsetzerin aber nicht. Doderer: "Ich dachte, es kommt etwas Freches wie Schamis ‚Erzähler der Nacht‘. Stattdessen erhielt ich ein kluges, aber braves Libretto. Manche Autoren werden ganz zugeknöpft, wenn sie beim Schreiben an die Oper denken."

Mut und Lebensfreude

Gleich danach aber schickte Schami seine "Fatima", und davon war Doderer "sofort begeistert". René Zisterer hat das Märchen (empfohlen ab 6 Jahren) dann für die Staatsopernbühne adaptiert: In rund einer Stunde Spielzeit geht es um einen bösen Schlossherrn, der den jungen, armen Hassan quält. Der Bub muss, wie so viele Kinder vor ihm, dem reichen Finsterling seine Träume opfern. Doch der Schurke hat nicht mit Hassans Schwester Fatima gerechnet. Doderer: "Sie ist unerschrocken und schlägt den Schlossherrn mit seinen eigenen Waffen." Und: "Sie tut das auf eine leichte, witzige Weise. Das Stück soll Lebensfreude vermitteln und Mut machen."

Doderer hat dafür nicht zuletzt drei Kinderlieder geschrieben, die das Publikum im großen Opernhaus mitsingen darf. Wer will, kann dafür schon im Kinderzimmer trainieren: Die Noten sind samt Karaoke-Videos für drei Euro im Internet erhältlich. Komponiert Doderer für Kinder anders als für Erwachsene? "Es ist und bleibt, trotz der drei Lieder, eine große Oper, in der die Sänger ihre ganze Kunstfertigkeit beweisen können." Gewisse Einschränkungen hat sich Doderer aber doch auferlegt.

Einerseits in Bezug auf die Schroffheit. "Es gibt eine Stelle, an der sich der Schlossherr wirklich ärgert, da geht’s ans Eingemachte. Für Kinder kann man das aber nicht mit einer Schärfe ausdrücken, wie sie Richard Strauss in seiner ‚Elektra‘ verwendet." Andererseits gelte es bei einem Jugendstück, Momente des Handlungsstillstands tunlichst zu vermeiden. Zwar seien "Spannungstäler", in denen die Figuren über ihre Situation nachdenken, in abendfüllenden Opern durchaus angebracht. Dafür brauche das Publikum aber einen langen Atem, "und den besitzen Kinder noch nicht. Sie wollen einfach, dass es weitergeht."

Insgesamt sei Doderer ihrer Klangsprache aber treu geblieben: "Man soll nicht den Fehler machen, Kinder mit billigem Klamauk abzuspeisen. Ich denke, man muss ihnen auf hohem Niveau begegnen. Kinder verstehen Qualität." Was Doderer bei diesem Verständigungsversuch natürlich hilft: Als Vertreterin einer gemäßigten Moderne ist ihre Musik überaus verständlich. Vor allem Dmitri Schostakowitsch (1906–1975), der letzte Großsymphoniker Europas, hat sie hörbar beeinflusst.

Mit dem Russen verbindet sie aber nicht nur ein gewisser Tonfall, sondern auch ein humanistischer Gestus. Doderer will die Menschlichkeit befördern – in ihrem Werk, aber auch ganz konkret. "Während wir ‚Fatima‘ zeigen, gibt es in Österreich viele syrische Flüchtlingskinder, die wirklich ihre Träume verlieren", sagt sie und bewirbt eine Aktion: Wer ihre Liedernoten online kauft, kann dies mit einer Spende an die Caritas verknüpfen.

Es ist nicht Doderers erstes Hilfsprojekt in dem Jahr. Sie war es, die den Benefiz-Abend "Artists for Syria" angeregt hat und so zu Einkünften von 66.000 Euro beitrug. Und: Die Großnichte Heimito von Doderers hat in den beiden Vormonaten selbst Flüchtlinge beherbergt.

Wie das kam? "Ich habe immer wieder in einem Flüchtlingsheim neben meinem Haus gearbeitet. Dort leben die Menschen dicht aneinander gepfercht. Meine Wohnung dagegen ist groß – und mein Sohn gerade ausgezogen. Da habe ich eine Familie gefragt, ob sie nicht einziehen will." Dank Doderer haben die vier Syrer – zwei Krankenpfleger und deren Kinder – mittlerweile eine eigene Wohnung. "Sicher", bilanziert Doderer, "war die gemeinsame Zeit nicht immer leicht: Man gibt Raum und Zeit. Dennoch war es eine Bereicherung, es hat neue Horizonte eröffnet."