• vom 21.12.2015, 16:16 Uhr

Bühne

Update: 21.12.2015, 16:27 Uhr

Theaterkritik

Schlaflos in Wien




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Von Petra Paterno

  • Flüchtlingskrise trifft auf Großstadtneurotiker im Prekariat: Regisseurin Ronen nimmt sich mit "Lost and Found" zu viel vor.

Prekäre Biographien in Krisenzeiten: (v.l.n.r) Birgit Stöger, Knut Berger, Sebastian Klein, Anja Herden, Jan Thümer. - © www.lupispuma.com

Prekäre Biographien in Krisenzeiten: (v.l.n.r) Birgit Stöger, Knut Berger, Sebastian Klein, Anja Herden, Jan Thümer. © www.lupispuma.com

"Ich habe meine Figur verloren", "ich habe meinen Traum, eine Familie zu haben, verloren", "ich habe zwei meiner besten Freundinnen verloren, nachdem sie mit meinem Mann geschlafen haben - gleichzeitig." Minutenlang werden ichbezogene Verluste frontal ins Publikum aufgezählt. Auf diese szenisch nüchterne und inhaltlich disparate Weise beginnt "Lost and Found" im Volkstheater - und bleibt bis zum Ende etwas konfus.

Das mag zum Teil auch am Sujet liegen: "Lost and Found" will anhand familiärer Katastrophen und politischer Konfliktzonen eine Diagnose der Gegenwart erstellen. Die überaus erfolgreiche israelisch-österreichische Regisseurin Yael Ronen entwickelt ihre Theaterabende stets gemeinsam mit dem Ensemble. Im besten Fall führt dies zu brisanten, berührenden und unterhaltsamen Abenden - etwa "Hakoah Wien". Doch dieses Mal wirkt der Versuch, Realität und Theater zu verbinden, etwas unausgegoren.


Dabei war der Ausgangspunkt vielversprechend: Ein Mitglied aus dem Ensemble des Volkstheaters bekam während der Stückentwicklung einen Anruf von einem Verwandten aus dem Irak, er sei geflohen und nun in Wien angekommen. Dieses Telefonat wird auf der Bühne nachgestellt. Wie in der Realität, wird auch im Theaterstück der geflohene Cousin von der Familie aufgenommen. Aber wo ist er hineingeraten? Die sechs Darsteller agieren im Volkstheater, als wären sie ständig am Sprung - die Bühne ist von Tal Shacham mit raumhohen Installationen aus Umzugskartons gestaltet, die sich auch als Videoleinwand eignen, wer sich setzen will, muss erst einen Klappstuhl organisieren, als Tisch dient ein großer Karton.

Den Flüchtling namens Yousef verkörpert der palästinensische Künstler Osama Zatar. Sein Auftritt, mit hörbarem Akzent berichtet er von seinen Einbußen, gehört zu den stärksten Momenten der Aufführung: "Ich habe den Kontakt zu meiner Familie verloren, ich habe meinen Schlaf verloren, ich habe das Vertrauen in die Menschen verloren."

Unter SchockBedauerlicherweise gelingt es nicht, über das Erwartbare hinauszugehen und mehr aus diesem Fundus zu bergen. Der Fremde bleibt ein Fremdkörper, die Cousine, die ihn bei sich einquartiert, dargestellt von Birgit Stöger, steht wie unter Schockstarre, die Begegnungen geraten eigentlich ziemlich klischeehaft. Womöglich hat sich der Theaterabend "Lost and Found" zu viel vorgenommen. In knapp 90 Minuten soll nicht nur das Schicksal eines Flüchtlings in Wien verhandelt werden, sondern auch die prekären Biographien einer urban-kreativen Schicht, die sich in chaotischen Patchwork-Familien, unglücklichen Liebschaften und bizarren Familienplanungen verausgabt.

Ziemlich viel Stoff, der in Ronens Inszenierung zu keiner überzeugenden Form findet. Die Handlung franst im Lauf des Abends zunehmend aus, die szenische Umsetzung wirkt wenig durchdacht, die Figuren bleiben holzschnittartig. Ein ambitioniertes Unternehmen, das mehr verspricht, als es zu halten vermag.

theater

Lost and Found

von Yael Ronen und Ensemble

Volkstheater, Wh.: 4., 8., 14. Jän




Schlagwörter

Theaterkritik, Volkstheater

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-12-21 16:20:05
Letzte Änderung am 2015-12-21 16:27:43


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