Sie lässt spätromantische, große Flächen aufgehen, reduziert den Orchesterapparat dann wieder auf einzelne zarte Stimmengeflechte. Dazu kommen prägnantes Schlagwerk und Bläser in allen Klangfarben. Mit ihnen baut die Komponistin sehr illustrative, beinahe suggestive Klanggebilde und erzeugt mitunter zauberhafte klingende Bilder. Mit den richtigen Interpreten auf der Bühne merkt man auch: Ihre Musik besitzt fein gewobenen, pointierten Humor.

Die österreichische Komponistin Johanna Doderer hat eine neue Kinderoper für die Wiener Staatsoper geschrieben. Und die hat nach einem Dasein auf dem Dach des Hauses und im Keller der Walfischgasse seit Mittwoch wieder ihren Platz auf der großen Bühne: Mit der Uraufführung von "Fatima oder von den mutigen Kindern". Das ist mit einer der schönsten Aspekte der Produktion: die vor Staunen lautstark "Boah" und "Wow" rufenden Kinder, wenn sich der Vorhang hebt. Oder die Buhrufe für den Bösewicht - nicht, weil er etwa schlecht gesungen hätte. Er war schließlich der Böse. Das reicht.

Träume als Nahrung

Dass sich Doderer von Rafik Schamis "Fatima oder die Befreiung der Träume" inspirieren hat lassen, spiegelt sich in der Oper nur in der Geschichte selbst wider. Das Orientalische in diesem Märchen muss man mit der Lupe suchen. Musikalisch wie in der szenischen Umsetzung. Regisseur Henry Mason sind eher nördliche Winter-Bilder mit viel Schneetreiben in den Sinn gekommen. Hätte theoretisch zumindest zur Jahreszeit gepasst. So sehen die Kinder wenigstens in der Oper Schnee.

Im Zentrum der Handlung stehen die Geschwister Hassan und Fatima. Hassan will die bittere Armut der Familie mindern und nimmt eine Stellung als Knecht bei einem bösen Schlossherren an. Dieser bringt ihn nicht nur um seinen Lohn, sondern raubt ihm auch noch seine Träume - denn sie sind seine Leibspeise, die süßen (Kinder-)Träume. Fatima will ihren Bruder rächen und dessen Träume befreien. Listig besiegt sie den Bösenwicht, befreit nebenbei eine ganze Schar an gefangenen Träumen und gibt sie den traurigen Kindern zurück.

Regisseur Henry Mason setzt bei der Umsetzung neben Schneerieseln auf plakative Farbsprache: Alle grau gekleideten Figuren haben keine Träume mehr, denn die sitzen als bunte Schmetterlinge im Käfig des Schlossherren. Dieser wiederum verspeist die Träume in Form von bunten Torten mit Zuckerguss. Erst im Finale ist die ganze Welt wieder kunterbunt. Die Umsetzung einiger humorvoller Szenen, wie etwa die Zubereitung des Alte-Socken-Tees, gelingen dem Regisseur sehr pointiert, anderes geht verloren. Die Schlussbotschaft "Seid mutig", lässt er vom Chor frontal von der Rampe ins Publikum singen. Kinder verstehen Botschaften auch etwas subtiler.

Die Musik Doderers ist zwar generell bei Dirigent Benjamin Bayl in guten, umsichtigen Händen. Wie viel Lebendigkeit und auch Humor die Partitur jedoch besitzt, zeigt sich erst über die (richtigen) Protagonisten auf der Bühne. Carlos Osuna ist da als Hassan weder stimmlich noch darstellerisch ideal. Sein Tenor ist nicht tragfähig genug und auch szenisch fehlt ihm Präsenz. Erst als Andrea Carroll als seine Schwester Fatima zur tragenden Figur wird, bekommt die Oper Schwung und Witz. Als Bösewicht sehr überzeugend ist hingegen Sorin Coliban. Die gemeinsamen Szenen der beiden tragen die Produktion, die zwar auf einer soliden Basis steht, jedoch auch ihre Schwächen hat. Denn den großen Spannungsbogen, der das Stück wie eine Klammer umschließt oder wie ein roter Faden durchführt - den findet man in Doderers Musik selbst nicht.

Dass Doderer drei Kinderlieder für die Oper komponiert hat, die Kinder im Publikum auch mitsingen dürfen, können oder sollen - das hat sich zumindest unter den Premierenbesuchern nicht herumgesprochen. Oder sie hatten vergebens auf ihren Einsatz gewartet.