"Ist heute Fasching? - "Nein, heute ist Weltuntergang." - "Schon wieder?" Das ist einer der wunderbar trockenen Dialoge in Thomas Arzts "Totes Gebirge". Der Satz benennt schon die zwei Pole, zwischen denen das Stück, das am Donnerstag im Theater in der Josefstadt uraufgeführt wurde, pendelt. Ausgelassener Irrsinn versus totale Aufgabe. Passend dazu spielt "Totes Gebirge" auch in einer Psychiatrie - das sieht man an den schaumstoffweichen Wänden, die wiederum einen Gegenpol zum felsharten Leitmotiv des Stücks bilden: Und das sind die Berge. Sie sind auf der Bühne von Miriam Busch in allerlei Formen präsent: ob nun romantisch gemalt oder in der reduzierten Strichversion à la La Linea. Wie Berge heißen auch die Protagonisten - die Ärztin heißt Mölbling, ihr Mann für alles heißt Priel, der Burnout-Patient Loser (sympathisch bipolar: Roman Schmelzer) und so weiter. Der neueste Seelennotfall Woising (ein nachdenklicher Zombie: Ulrich Reinthaller) steht eines Nachts vor der Tür, nachdem er sein antikes Mobiliar kurz und klein geschlagen hat: "Ich bin aus dem Biedermeier herausgewachsen", sagt er und es ist so symbolisch wie nahezu alles in diesem Stück.

"Mei liabste Weis" mit Cartoon-Perchten

Viel konventionelle Handlung gibt es nicht, mitunter werden aber falsche Fährten zu einer solchen angedeutet. Die Ärztin (resolut realistisch: Susa Meyer) und Priel (Hippie mit Bodenhaftung: Peter Scholz) fahnden nach einer prägenden Bergwanderung des depressiv-schweigsamen Woising. Und zu Silvester droht laut dem Alkoholiker Elm (verzweifelt-überdreht: Stefan Gorski), dessen Körper sich im Zerfall befindet, ein Komet. Apropos Zerfall: Ab und zu kracht es unwillkürlich im Gebälk, als würden sich die Berge verschieben oder aufbäumen wollen. Immer wieder taucht wie ein aus der Schachtel springender Clown Schubert und seine "Winterreise" auf. Schon Woisings Abschiedsbrief zitiert sie - allerdings falsch, wie seine herrische Schwester (kühl-blond: Maria Köstlinger) erbarmungslos anmerkt.

Musik spielt ohnehin keine geringe Rolle in diesem Stück: Arzt hat auch diesmal sein Markenzeichen, Chorpassagen mit Dialektliedern, eingesetzt. Musicbanda Franui liefern die Klänge von Zither und Hackbrett und das Ensemble singt die Dada-Gstanzln als würde "Mei liabste Weis" diesmal in der "Twilight Zone" spielen. Besonders ausdrucksstark ist das, wenn sie Cartoon-Perchten auf dem Kopf haben.

Die Regie von Stephanie Mohr hält sich angenehm zurück und lässt dem Stück Raum. Das ist vor allem für die Wirkung der teilweise virtuosen Sprache dieser Anatomie einer Versteinerung von Vorteil. Da kann man sich Tagesaktuelles genauso herausnehmen ("Uns ist die Mitte abhanden gekommen. Es gibt nur mehr Schwärmen oder Fluchen") wie Allgemeingültiges ("Das neue Jahr beginnt immer mit einer Lüge. Wir nennen es Walzer und glauben, es bedeutet was"). Man kann eine böse Beschreibung der österreichischen Mentalität erkennen, wenn der Sprung ins Verderben fürs Erste doch aufgeschoben wird - weil es Punsch gibt. Und man kann sich mit einem herrlich spielfreudigen Ensemble vergnügen. Ob man dann am Ende, wenn das "Katastrophenwolkerl" weitergezogen ist, enttäuscht ist oder erleichtert, ist einem selbst überlassen.