Eine schwere Gestalt schleppt sich auf die fast nachtschwarze Bühne, die einzige Lichtquelle die Lampe einer Minibar. Ein Glas Whisky muss her, dann noch eins, und noch eins. Beim Versuch, sich hinzusetzen, stürzt der einsame Spieler auf der Bühne. Möbelstücke fallen krachend, es dauert lange, bis er sich wieder aufgerappelt hat. Mit dem Solo einer gequälten Kreatur, die buchstäblich den Boden unter den Füßen verloren hat, hebt Andrea Breths Inszenierung von "Diese Geschichte von Ihnen" im Akademietheater an. Nicholas Ofczarek verkörpert das allumfassende Taumeln auf berückende Weise. Die dreieinhalbstündige Aufführung ist jedoch weit mehr als die Glanzstunde eines einzelnen Schauspielers.

Andrea Breth, eine der großen Spielleiterinnen des deutschsprachigen Theaters, gilt als detailgenaue Textanalytikerin, die sich in ihren Arbeiten dem Zeitgeist widersetzt. Auch wenn sie überwiegend Klassiker des Weltdramas aufarbeitet, hegt sie ein Faible für das angloamerikanische Wellmade-Play - von Alan Ayckbourn über Edward Albee bis Harold Pinter. Breth hat ihr an komplexen Stoffen geübtes Handwerk oft und gern dem low brow gewidmet.

"Diese Geschichte von Ihnen" ist ebenfalls ein geschickt gebautes Melodram, in dem der britische Autor John Hopkins (1931-1998), in den 1960er Jahren als Drehbuchautor bekannt, das Psychodrama eines gefallenen Polizisten aufrollt, in dem jeder Akt als eine Art Zweikampf gebaut ist. Breth und dem Ensemble gelingt es, die leichte Lesbarkeit des Stoffs ins Komplexe und Widersprüchliche zu überführen: Die Verflechtungen zwischen Opfern und Täter, in die der Gesetzeshüter zwangsläufig gerät, das Verhältnis von Macht und Ohnmacht werden nicht klischeehaft ausbuchstabiert, sondern psychologisch ausgeklügelt variiert. Ofczarek gewinnt dem absturzgefährdeten Kriminalbeamten Johnny Johnson vielfältige Facetten ab. Ein Mann geht vor aller Augen kaputt, wenn er das nicht schon war. Oft liegt ein Wimpernschlag zwischen Verletzlichkeit und Brutalität.

Oper oder Täter?

Gleich im ersten Wortduell offenbart Johnson seiner Frau - Andrea Clausen in Morgenmantel, Lockenwicklerfrisur - im nippesverseuchten Eigenheim, dass er bei einem Verhör einen mutmaßlichen Kinderschänder umgebracht habe. Gegenüber seiner überforderten Gattin deutet er auch an, dass ihn die Verbrechen, mit denen er in 20 Dienstjahren konfrontiert gewesen war, nicht mehr losließen.

Im zweiten Akt muss Johnson seinem Vorgesetzten über den Mord Rechenschaft ablegen. Roland Koch ist ein bestrickend ausgebuffter, kettenrauchender Chief-Inspektor, knallhart und mitfühlend gleichermaßen, der Johnson in die Mangel nimmt: Im gleißend weißen Verhörraum deckt er dessen Lebenskrisen auf, berufliche wie private. Zu Beginn des Verhörs agiert Ofczarek noch stocksteif, einsilbig. Es ist der Versuch, Haltung zu bewahren. Im weiteren Verlauf der Befragung bröckelt die Fassade. Johnson bricht rettungslos zusammen. Sein Tick, mit dem er sich sonst aus brenzligen Situationen rettet, hilft ihm nicht weiter: Johnson bläht die Nase und schnaubt, als wolle er sich durch Druckausgleich vor dem nahen Untergang retten. Vergebens.

Erst nach der Pause trifft Johnson in der Rückblende auf den Verdächtigen, den vermeintlichen Päderasten. Das Verhör gewährt Einblicke in menschliche Abgründe, in eine Welt dunklen Lichts, in das undurchsichtige Dickicht des Lebens. Wie August Diehl und Nicholas Ofczarek sich gegenüberstehen, sich mit Worten zu bekämpfen und zu vernichten suchen, gehört zu jenen Theatermomenten flackernder Eindringlichkeit, die man so schnell nicht vergisst. Am Ende erschlägt Johnson den Verdächtigen. Wer ist Opfer? Wer Täter? Kein Ende des Schwebezustands.