Eigentlich ist Tanzen nichts anderes als sichtbar gemachter Rhythmus. Zu dieser Erkenntnis kommt man beim Performanceabend der Tänzerin und Choreografin Doris Uhlich. Sie hinterfragte in früheren Arbeiten das Schönheitsideal eines Tänzerkörpers, versetzte ihr eigenes Fleisch in Schwingungen oder untersuchte in "more than naked", wie verschiedene Körper zueinander in Beziehung stehen. Bereits in ihren letzten beiden Arbeiten "Universal Dancer" und "Ravemachine" beschäftigte sie sich mit Techno als Musik, die sich einem Stromfluss gleich beim Tanzen energetisch ausbreitet.

Nun interessiert sie, was genau den Körper unter Technoeinfluss in Schwingungen versetzt und welche Beziehung er dabei mit dem ihn umgebenden Raum eingeht. Es geht ihr um das Öffnen: Wo endet der eigene Körper und wo fängt unsere Umgebung an? Wie lässt sich der Raum um uns beeinflussen und welche Auswirkung hat er auf uns? Und tatsächlich fühlt sich dieser Abend an, als hätte man die Halle G im Museumsquartier unter Strom gesetzt.

"Boom Bodies" heißt die Performance, die Uhlich im Tanzquartier Wien zur Uraufführung bringt. Die Luft schlägt Wellen beim Techno von DJ Boris Kopeinig. Auf der Bühne befinden sich acht Körper (Eyal Bromberg, Ewa Dziarnowska, Christina Gazi, Hugo Le Brigand, Andrius Mulokas, Yali Rivlin, Roni Sagi und Anna Virkkunen). Die Tänzer aus allen Ecken Europas geben zu Uhlichs Choreografie eine energetische Vorstellung ab. Dabei berühren sie sich lange nicht, dennoch tanzt nie jemand für sich allein. Sie stehen immer in einer Verbindung zueinander. Manchmal wird diese sichtbar gemacht durch ein zwischen den Körpern gespanntes Gummiband, das die Tänzer anzieht und abstößt. Wie Tanz im besten Fall auch Körper dazu bringt, sich anzuziehen. Und wieder auseinandertreibt. Sie bilden Formationen, dann wieder verstreuen sich die Tänzer im Raum. Sie scheinen die Luft um sich herum in Schwingung zu versetzen, so pulsierend sind ihre Bewegungen. Die Choreografie ist manchmal nicht mehr als eine schlagende Brust, die der Musik entgegen zuckt. Einmal wiederholt sich eine Bewegung so lange, bei gleichbleibender Intensität, dass sich die Performer in Trance zu tanzen scheinen.

Als Zuschauer kann man nur schwer dem Drang widerstehen, mitzuwippen, fast fängt man an zu zucken, so intensiv sind die Schläge der Musik und der Bewegungen auf der Bühne. Einmal geht die Musik in einen Schrei über, bis der Schrei wieder in der Musik untergeht und der Körper wieder in Bewegung gerät. Bezeichnenderweise singt zu einem der Technorhythmen eine elektronisch verzerrte Stimme: "Have a heart for the human heart." Ein Herz haben für das menschliche Herz, dessen Klopfen den Takt vorzugeben scheint, begleitet von einem Bass, der den Körper in Schwingung versetzt.

Uhlich schafft es, Bewegung fühlbar und Musik sichtbar zu machen. Ein Abend wie ein Herzschrittmacher: Am Ende ist man sicher, dass das eigene Herz in der letzten Stunde im Takt der Musik geschlagen hat.