"Hab ich gut geschlafen?", fragt sich André am Morgen. Er weiß es nicht mehr. Glaubt er. Es ist ein trickreiches und grausames Spiel mit dem Verstand, das das Stück "Vater" von Florian Zeller spielt. Mit seinem Protagonisten André (Erwin Steinhauer) und mit dem Publikum. Die eine Seite ist die: André ist offenbar geistig nicht mehr ganz auf der Höhe, seine Tochter Anne (Gerti Drassl) sucht deswegen eine Heimhilfe für ihn. Er sperrt sich gegen diese Invasion in seine Privatsphäre, deswegen kommt er erst bei Anne unter und schließlich in einem Heim.

Doch das Stück erzählt diese Geschichte nicht in der herkömmlichen Perspektive. Sondern aus dem Blickwinkel von André. Herauskommt ein verwirrendes, manchmal beängstigendes Kaleidoskop der zerstückelten Erinnerungsfetzen, der Verunsicherung und des Unglaubens. Bereits in der zweiten Szene sieht seine Tochter plötzlich ganz anders aus als in der ersten - und man fragt sich genau wie er, was da jetzt eigentlich los ist. Anne widerspricht sich von Szene zu Szene. Einmal will sie nach London ziehen, dann wieder nicht. Einmal ist sie verheiratet, dann wieder nicht. "Ich verstehe deine Geschichten nicht mehr", sagt André einmal grantig-verzweifelt. "Ständig änderst du deine Meinung". Man kann ihm als Zuseher seine Verwirrung beim besten Willen nicht verübeln.

Mit beiläufiger Leichtigkeit und ohne pflichtschuldiges Betroffenheits-Humorverbot zeichnet "Vater" viele Facetten des Lebens mit Demenzkranken: Das schlechte Gewissen, das Anne ständig plagt, der Sarkasmus von Pierre (Martin Niedermair), ihrem Mann (oder wer dieser unsympathische Typ da in ihrem Wohnzimmer immer ist), der aus rechtschaffener Überforderung entsteht. Er fragt André etwa einmal, wie lange er noch gedenkt, alle "zu verarschen".

Verwischte Schatten


Souverän gelingen Erwin Steinhauer die Szenen, in denen André sich zum unverhofften Charmeur gegenüber der neuen Pflegerin Laura (Eva Mayer) aufschwingt, die Szenen, in denen André wieder zum Kind wird, das sich nach Albernheit sehnt, und die Szenen, in denen André mit zunehmendem, ungläubigen Grauen die Löcher in seinem Gedächtnis diagnostiziert. Wenn André widerlich gemein ist, bleibt er bei Steinhauer aber weiterhin liebenswert. Regisseurin Alexandra Liedtke hat zwar nicht die originellsten Bilder für einen verirrten Geist gefunden, aber sie sind effektiv: Die Bühne (von Raimund Orfeo Voigt) ist ein Labyrinth aus Plastik-Duschwänden, die verwischte Schatten hervorbringt - Familienmitglieder, bei denen man sich, wenn sie hervortreten, nie ganz sicher sein kann, wie sie jetzt wieder aussehen.

Gerti Drassl spielt Anne mit fahriger Güte, selbst wenn sie erzählt, wie sie in einem "bösen Moment" dem Elend ein Ende machen würde. Am Schluss sind die Anker, die André in seinem Alltag gebraucht hat - die ewig verschollene Uhr und das Fotoalbum, quasi das mobile Gedächtnis - in Vitrinen weggesperrt. Also genauso weg wie seine Tochter Anne.

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