Will Geschichten erzählen, die einen Teenager ebenso fesseln wie einen Opernkenner: Damiano Michieletto. - © Fabio Lovino
Will Geschichten erzählen, die einen Teenager ebenso fesseln wie einen Opernkenner: Damiano Michieletto. - © Fabio Lovino

Wien. Kaum ein Opernregisseur kletterte in den Vorjahren mehr Karrieresprossen hoch: Damiano Michieletto, 1975 geboren, ist zu einem der Erfolgreichsten seiner Zunft avanciert; und der Italiener hat auch in Österreich einen guten Namen, seit er 2012 mit Puccinis "Trittico" im Theater an der Wien brillierte und danach einen poetischen "Falstaff" in Salzburg vorlegte. Derzeit inszeniert er Gioachino Rossinis "Otello" an der Wien; die Premiere ist am Freitag. Im Interview spricht er über Regietheater, die Beschleunigung der Moderne und warum es okay sei, in der Oper ein wenig zu tratschen.

"Wiener Zeitung":Im Vorjahr sorgten Sie in London für einen Eklat: Das Publikum stieß sich in "Wilhelm Tell" an einer Szene mit sexueller Gewalt; die Direktion sah sich genötigt, die Wogen mit einer Erklärung zu glätten. Haben Sie danach etwas verändert?

Damiano Michieletto: Nein.

Trügt der Eindruck, oder beklagen Menschen heute immer öfter, dass etwas ihre "Gefühle verletzt"? Und engt das auch Kreative ein?

Als die berühmten Opern geschrieben wurden, war es doch viel schlimmer - damals gab es die Zensur. Heute leiden wir nicht mehr unter solchen Beschränkung und können die wahre Natur von Opernhandlungen freilegen. "La traviata" ist die Geschichte einer Prostituierten, das kann man heute freier sagen. Natürlich, es gibt im Publikum verschiedene Geschmäcker. Manche verstehen unter Tradition die Reproduktion eines Werks, wie es einmal aussah, andere, die Oper zu feiern, aber nicht die Ästhetik zu wiederholen.

. . . was Ihr Zugang zu sein scheint. Sie versetzen Stücke ja bevorzugt in die Gegenwart.

Als die Opern geschrieben wurden, hatten sie mit der Gegenwart zu tun. All die Verdi-Opern sind verbunden mit den Standpunkten, dem Geschmack ihrer Zeit, selbst wenn es um eine Shakespeare-Geschichte ging. Einer Handlung Sinn zu verleihen bedeutet für mich, eine Brücke zum Publikum der Gegenwart zu schlagen. Die Art, wie wir heute ins Theater gehen, ist grundverschieden von der Vergangenheit.

Sind Filme für Sie ein Einfluss?

Ich denke, sie sind ein bedeutender Einfluss für alle, die Geschichten erzählen. Das Kino hat die Erzählkunst durch ihre Techniken maßgeblich verändert. Ich bin mir auch sicher, dass die Popmusik einen gewaltigen Einfluss darauf hatte. Wenn man sich den ersten abendfüllenden Walt-Disney-Film ansieht und "Schneewittchen" (1937) mit einem aktuellen Film des Unternehmens vergleicht, sind das ganz andere Sprachen. "Schneewittchen" war opernhaft, in den ersten 15 Minuten wird gesungen. Mit lyrischen Stimmen!