Entertainment als hohes Ziel: Kolonovits. - © Manfred Weis
Entertainment als hohes Ziel: Kolonovits. - © Manfred Weis

Wien.Die rockige Vergangenheit sieht man ihm am Hemd an. Besser gesagt an dessen Öffnung. Das tiefe Herrendekolleté des Christian Kolonovits - es wirkt wie eine Reverenz an die 70er, als sich wilde Tastenlöwen wie Keith Emerson noch mit Hippiemähne, Ledergilet und sonst fast nichts am Leib auf ihre Synthesizer stürzten.

Auch Kolonovits, 1952 in Rechnitz geboren, hat in jenem Jahrzehnt die Rockbühnen erklommen, auch er ein Tastenmann mit klassischem Hintergrund. Den studierten Dirigenten und Komponisten zog es letztendlich aber nicht ins Zentrum der Showbühnen, sondern in die Werkstätten dahinter: Kolonovits avancierte zu einer Konstante des Austropop, arrangierte und komponierte für Peter Cornelius ebenso wie für Franz Morak und Tony Wegas. Auch für Frank Farian (Boney M.) hat er gewerkt, nicht zu vergessen die Wiener Symphoniker. Gemeinsam mit ihnen hat Kolonovits in den 1980er Jahren diverse Pophits orchestral eingedickt. "VSOP - Vienna Symphonic Orchestra Project" hieß das Ergebnis. Vieles ist geschrieben worden über diesen vielseitigen Dienstleister, nicht immer war es wohlwollend. Die Publikumsgunst aber wusste Kolonovits meist auf seiner Seite - ob als Zulieferer für Popalben, Soundtracks oder Musiktheaterbühnen, für die er mehr und mehr Dienst tut.

Vergebliche Notensuche

Die Volksoper, wieder einmal auf Humorkurs: Ab Samstag tanzt am Währinger Gürtel der Wiener Kongress, Direktor Robert Meyer hat die UFA-Filmoperette neu inszeniert. - © Barbara Pálffy/Volksoper Wien
Die Volksoper, wieder einmal auf Humorkurs: Ab Samstag tanzt am Währinger Gürtel der Wiener Kongress, Direktor Robert Meyer hat die UFA-Filmoperette neu inszeniert. - © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Wie nun an der Volksoper. Dort hat er 2009 das Kinderstück "Antonia und der Reißteufel" herausgebracht, dort wird er in der nächsten Saison wieder eine Uraufführung vorstellen (diesmal für Erwachsene). Und dort studiert er derzeit, als Arrangeur und Dirigent, eine Operette ein. "Der Kongress tanzt" heißt sie und hat am Samstag in einer Regie des Entertainment-freudigen Direktors Robert Meyer Premiere. Das Kuriose: Auf der Bühne ist dieser "Kongress" bisher fast nie aufgetaucht. Er ist ursprünglich ja auch als Film herausgekommen. Die UFA-Produktion von 1931 gefiel nicht nur wegen der Musik von Werner Heymann ("Das gibt’s nur einmal"), sondern auch dank einer wenig faktentreuen Herzschmerz-Geschichte: Während der Wiener Kongress 1815 tagt, tanzt und zankt, verliebt sich der russische Zar ausgerechnet in eine Dame namens Christel, ihres Zeichens Handschuhmacherin. 1955 ist dieses Lustspiel abermals verfilmt worden, mit Gunther Philipp und Rudolf Prack in tragenden Rollen.

An der Volksoper interessiert man sich vor allem für die Erstverfilmung, erzählt Kolonovits im Gespräch. "Uns ging es darum, die Musik auf die Originalarrangements zurückzuführen." Das Problem dabei: Die gab es nicht. Kolonovits ist darum zu Heymanns Tochter nach Berlin gefahren, doch die wusste auch nichts Näheres über die Originalnoten des Vaters, der wegen seiner jüdischen Herkunft vor den Nazis fliehen musste. Das einzige, was Kolonovits dann tun konnte: "Ich hörte mir die Arrangements von den alten Schellack-Aufnahmen herunter." Innerhalb von drei Monaten habe er "sehr passable Arrangements" geschrieben, "die der 30er-Jahre-Stilistik entsprechen".