Alles nur eine Frage der Trinkgewohnheiten? Zu Beginn kübeln die Protagonisten, ganz Pariser Intellektuelle, bei jeder sich bietenden Gelegenheit Rotwein; beim Tête-à-Tête mit der Geliebten wird eine Flasche Bourbon vernichtet. Essenseinladungen münden verlässlich in Trinkgelage - bis die Akteure, mitbedingt durch die
äußeren Umstände, zum Tee übergehen.

Zwischen Alkoholexzess und Chai-Genuss liegt ein politisches Erdbeben: Frankreich wird nach den Wahlen von einem muslimischen Präsidenten regiert. Es ist das Jahr 2022, und der charismatische Politiker Mohamed Ben Abbès stellt die Grande Nation auf den Kopf, führt Scharia, Polygamie und islamische Erziehung ein. Und siehe da: Das Land blüht auf, Kriminalität und Arbeitslosigkeit sinken, auch, weil viele Frauen aus der Arbeitswelt gedrängt werden.

Aufsagen einer Politfabel

Dieses Szenario vom Ende des Abendlands entwarft der französische Romancier Michel Houellebecq (57) in seinem Roman "Unterwerfung". Mit der am Theater üblichen Verspätung gelangt der Roman nun auf die Bühne. Nach der kontrovers diskutierten Fassung von Karin Beier in Hamburg - und noch vor Stefan Kimmigs gespannt erwarteter Aufführung in Berlin - zeigt Werk-X-Co-Intendant Ali M. Abdullah die Österreich-Premiere.

Houellebecqs Politfabel changiert zwischen Satire und Utopie, speist ihre Aktualität aus dem freien Spiel der Ängste - vom Erstarken der radikalen Rechten bis zu Europas Islamisierung. Der Erscheinungstag des Buchs fiel zudem mit den Anschlägen auf das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo" Anfang Jänner 2015 zusammen: Auf dem Cover der damals aktuellen Ausgabe war der Autor als trauriger Clown gezeichnet. Seither scheint das Werk von einem Nimbus düsterer Prophezeiungen umgeben: In "Unterwerfung" finden Terroranschläge statt, bürgerkriegsähnlichen Szenarien ziehen sich durch den Roman, der zum "Buch zur Stunde" ausgerufen wurde. Der moderne Rechtsstaat kollabiert, die Stützen der Gesellschaft kollaborieren oder emigrieren.

Die "Charlie-Hebdo"-Karikatur Houellebecqs ziert als Referenz die Bühnenrückwand im Werk X. François, die Hauptperson, ist Literaturwissenschafter, Mitte 40 und, abgesehen von gelegentlichen Affären mit Studentinnen, vollkommen vereinsamt. Marc Fischer stellt den ambivalenten
François als sympathischen Schnellredner dar, mit fahrigen Gesten, dann wieder mit verschränkten Armen: Die Antriebslosigkeit des Anti-Helden - im Roman als Symptom für die Krise der westlichen Werte entworfen - entwickelt sich auf der Bühne hingegen zu einer Leerstelle.

Die Nebenfiguren - Arthur Werner als aufgelöster Geheimpolizist; Christian Dolezal in der Rolle eines bigott-boshaften Über-läufers, Hanna Binder und Dennis Cubic in Mehrfachrollen - können in den szenischen Miniaturen nur wenig dramatische Spannung aufbauen. Es wird vor allem geredet und getrunken. Die Bühne ist bis auf vereinzelte Stühle und einen Glaskubus leer geräumt.

Stehen. Sitzen. Trinken. Reden. Schwung kommt nur einmal in die Szene: François tuckert bei einem Fluchtversuch in einem schwarzen VW über die Bühne und hinterlässt eine Abgaswolke.

Regisseur Abdullah stellt dem fünfköpfigen Ensemble sieben junge Schauspielerinnen und Schauspieler mit Migrationshintergrund zur Seite. Die Inszenierung weiß mit den zusätzlichen Akteuren herzlich wenig anzufangen. Sie bleiben buchstäblich Statisten, ihre Auftritte farblos. Der Anspruch, Houellebecqs Ideenroman möglichst umfassend auf die Bühne zu bringen, führt über weite Strecke zu einem bloßen Textaufsagen, zum langatmigen Abarbeiten von philosophischen und politischen Zusammenhängen.

Haltung zu den komplexen, zum Teil auch widersprüchlichen Positionen kristallisiert sich nicht heraus. "Unterwerfung" spielt mit konkurrierenden Weltanschauungen und Sichtweisen. Der Roman irritiert und fasziniert. Im Werk X werden davon bestenfalls homöopathische Dosen verabreicht.