Beeindruckend: John Osborn als präsenter Otello mit atemberaubend starker Höhe im Theater an der Wien. - © Werner Kmetitsch
Beeindruckend: John Osborn als präsenter Otello mit atemberaubend starker Höhe im Theater an der Wien. - © Werner Kmetitsch

Auf den Spielplänen der Opernhäuser hat sich die Vertonung von Giuseppe Verdi ganz klar durchgesetzt. Das hat gute Gründe. Die "Otello"-Vertonung von Gioachino Rossini hat durchaus problematische Aspekte. Einerseits hat das Libretto seine Schwachstellen. Andererseits steht der tragische Stoff in teils schroffem Kontrast zum Belcanto-Stil Rossinis, spießen sich Dramatik und opulente Verzierung. Und sie ist schwierig zu besetzen, verfügt sie doch über gleich drei zentrale Tenor-Partien.

Die aktuelle Umsetzung im Theater an der Wien macht all diese Makel vergessen. Und präsentiert seit Freitag eine hochdramatische, kluge, zeitgemäße und packende Musiktheater-Produktion. Das liegt vor allem an Regisseur Damiano Michieletto, der die Aktualität des Stoffes aufgreift und die Geschichte mit schlüssigen Bildern in die Gegenwart transferiert. Dort, wo Rossini sich in kräuselnder Oberfläche zu verlieren droht, setzt er auf szenischen Tiefgang und emotionale Dichte.

Otello ist hier ein wohlhabender arabischer Geschäftsmann mit vielversprechenden Verträgen im Gepäck. Sein Geld und sein schwarzes Gold sind höchst willkommen, einen Platz in der noblen Gesellschaft - zweier verbandelter venezianischer Familien - will man ihm jedoch nicht gewähren. Von der ersten Szene an ist er der schräg beäugte Fremde, der eindringt in eine hermetisch abgeriegelte, von den Vätern dominierte, patriarchale Gesellschaft.

Da hat auch Otellos Liebe zu Desdemona keinen Platz. Wo es doch eine geeignete, arrangierte Partie aus den eigenen Reihen gäbe. Wenn Desdemona im Finale -selbst die Hand am Abzug - an Otellos Eifersucht stirbt, so ist es das ganze Familiengeflecht, das sie auf dem Gewissen hat. Am wenigsten Otello selbst. Denn der praktizierende Moslem ist definitiv der charismatische Sympathieträger in einer Welt voller profit- und prestigegieriger sowie elitär selbstgefälliger Oberschichtler.

Die Symbole, die Michieletto wählt, um diese heutige Version der Geschichte herauszuarbeiten, sind klug gewählt und effektvoll, ohne plakativ zu wirken. Der kühle Palazzo etwa. Oder der Schal, den Otello Desdemona zum Kopftuch bindet. Eine kleine, scheinbar harmlose Geste, die zum gesellschaftlichen Aufruhr führt.

Es sind sehr heutige Figuren, die der Regisseur mit den Sängern bis in kleinste Details erarbeitet hat. Die ausgewogene Besetzung der drei Tenor-Partien zeigt, wie vielschichtig und facettenreich dieses Stimmfach ist: Der lyrisch-leichte Tenor von Maxim Mironov als Nebenbuhler Rodrigo etwa. Oder die charaktervoll sonore Variante von Vladimir Dmitruk, der als surreale Fratze eines intriganten Jago im Hintergrund die Fäden zieht. Und schließlich John Osborn, der als viriler Otello mit seiner gleißend kraftvollen Höhe alle überstrahlt. Ausgewiesener Belcanto-Fachmann ist keiner von ihnen, doch formen sie stimmlich intensive Charaktere.

Gewaltig, aber eintönig

Nino Machaidze bleibt da als stimmgewaltige, jedoch wenig differenzierte Desdemona eintönig. Ihr Sopran ist voluminös und furchtlos, Zwischentöne und seelische Abgründe sind ihre Sache nicht. Da lässt Gaia Petrone als Emilia mit ihrem feinen Mezzo viel eher aufhorchen. Dirigent Antonello Manacorda hat sich klar auf die Abstimmung mit Regisseur und Sängern konzentriert. Selbst im Chor wächst jede Geste aus der Musik heraus. Seine Realisation der orchestralen Seite blieb da etwas auf der Strecke. Bei den Wiener Symphonikern kämpfte nicht nur das Holz hörbar mit Rossinis Läufen. Dramatik und Emotion kamen mehr von der Bühne als aus dem Graben.

Trotz kleiner Makel ist dieser "Otello" der seltene Glücksfall einer im Heute angekommenen Opernproduktion. Der Umgang mit dem Fremden, die Tücken der Eifersucht, der Druck des Kollektives, der Konvention und der Familie - die in der Oper verhandelten Themen sind nicht nur zeitlos gültig, sie gehen uns alle an.