"Bei Handke besteht die Verpflichtung, einem poetischen Dichter zu folgen": Burgschauspieler Martin Schwab kennt den Autor persönlich und wirkte in zahlreichen Handke-Uraufführungen mit. - © apa/H. K. Techt
"Bei Handke besteht die Verpflichtung, einem poetischen Dichter zu folgen": Burgschauspieler Martin Schwab kennt den Autor persönlich und wirkte in zahlreichen Handke-Uraufführungen mit. - © apa/H. K. Techt

"Wiener Zeitung":In Peter Handkes neuem Stück "Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße", das in der Regie von Claus Peymann am Samstag im Wiener Burgtheater uraufgeführt werden wird, stellen Sie den "Häuptling der Unschuldigen" dar. Wer sind diese Unschuldigen? Etwa flüchtende Menschen aus Syrien?

MartinSchwab: Das könnte man denken, ist aber nicht zwingend. Die Unschuldigen sind eine nicht näher definierte Gruppe, angeführt von einem Häuptling und einer Frau. Auf einer Landstraße begegnen sie einem Menschen, der behauptet, die Straße gehöre ihm. Die Mitglieder der Gruppe empfindet er als Eindringlinge in sein Refugium. Die Unschuldigen haben davon aber keine Ahnung: Ohne böse Absicht, durch ihre schiere Anwesenheit provozieren sie die Ich-Figur. So entstehen auf mehreren Ebenen Konflikte und Konfrontationen. Nach der Pause ist der Häuptling indes wie verwandelt. Es kommt zu einem Gespräch mit dem Ich-Darsteller: Sie begegnen einander nicht mehr in feindlicher Absicht, sondern als Nachbarn - plötzlich sprechen sie von "unserer Straße".

Der Begriff "Nachbarschaft" kommt im Stück mehrmals vor und nimmt geradezu sakrale Züge an. Handke beschreibt diese als "letzte Weltreligion" und "unsere Rettung".

"Die Unschuldigen" ist ein ungeheuer poetisches Stück. Handke legt immensen Wert auf die Sprache, er führt einen zu den ursprünglichen Bedeutungen der Wörter zurück. Was ist also "Nachbarschaft"? Ein Gemeinwesen, in dem man sich gegenseitig hilft, füreinander da ist. Früher war das im dörflichen Kontext selbstverständlich. Man lebte - mit allen Schattenseiten - nachbarschaftlich, bunkerte sich nicht in seinem Einfamilienhaus ein.

Handke belässt die Rolle der "Unschuldigen" in der Schwebe. Er bezeichnet sie als "Landplage", aber auch als "letzte Weltmacht". Wie geht man als Schauspieler mit diesen Widersprüchen um?

Das Ganze ist ein Traum. Die Frage lautet also: Wie spiele ich eine in sich widersprüchliche Rolle, die noch dazu nicht real ist, sondern geträumt ist? Es ist unsere Aufgabe als Schauspieler, das herauszufinden, ohne die Sache zu verkomplizieren. Das Stück muss leicht sein, irgendwie schwingen, auf keinen Fall darf es schwerfällig wirken. Wenn es uns gelänge, dass Zuschauer im Nachdenken zu einem Moment innerer Freiheit gelangten und im Hier und Jetzt innehielten - das wäre was.

"Die Unschuldigen" ist von Kriegsahnungen grundiert. Sie wurden 1937 geboren. Haben Sie Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg?

Als Kind konnte ich kaum eine Nacht durchschlafen, weil dauernd Luftschutzalarm war. Wir mussten in den Keller, es gab provisorische Bettstätten - Stellagen, auf denen später Obst gelagert wurde. Dort mussten wir warten, bis Entwarnung kam. Staub und Erde rieselte aus dem Gewölbe, wenn in der Nähe eine Bombe einschlug. Bis heute überkommt mich in engen Räumen mit vielen Menschen ein beklemmendes Gefühl. Als Friede war, konnte ich wieder durchschlafen. Das Erstaunliche am Krieg ist dessen Normalität. Krieg kennt friedliche Momente, es ist nicht so, dass man dauernd mit Schrecken konfrontiert ist - so wie Friede nicht nur rosig ist: Nach 1945 gab es kaum etwas zu essen; wir mussten bei Bauern hamstern gehen, freuten uns über Kuchen aus Bucheckern-Mehl. Die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen.

Ihr Vater war Lehrer, Mitglied der Bekennenden Kirche, die sich in Opposition zur NS-Herrschaft befand, und in einem Arbeitslager inhaftiert. War er für Sie ein Held?

Nein, überhaupt nicht. Ich erinnere mich, dass er eines Tages verschwunden war. Wir beteten jeden Abend für ihn, bis er wieder zurückkam. Da sagte meine Mutter zu ihrem Mann: "Wenn man fünf Kinder hat, spielt man nicht den Helden." Sonst wurde nicht darüber gesprochen, auch nach Kriegsende wurde nicht gern darüber geredet.

Was zeichnet Peter Handke als Dramatiker aus?

Sein Ziel liegt oft im Mikrokosmos. Handkes Stücke sind keine Steinbrüche wie Jelinek-Texte, mit denen jeder Regisseur mehr oder weniger machen kann, was er will. Bei Handke besteht die Verpflichtung, einem poetischen Dichter zu folgen. Ich bin ein großer Verfechter von "Die Unschuldigen": Ich mag das Stück, weil es nicht in unsere Zeit passt, oder gerade deshalb genau passt. Wir brauchen wieder Stille. Veränderungen im Positiven passieren allein aus der Ruhe heraus.

Sie spielten bereits etliche Handke-Stücke. Wie ist Ihre persönliche Beziehung zum Schriftsteller?

Bei der Uraufführung von "Über die Dörfer", 1982 bei den Salzburger Festspielen, zogen sich Regisseur Wim Wenders und die Hauptdarsteller vor Probenbeginn in ein altes Bauernhaus am Land zurück. Wir sollten uns langsam an das Stück, an die Figuren annähern. Ein ungeheurer Luxus, heute kaum mehr vorstellbar. Nach zehn Tagen hieß es: Morgen kommt Handke! Dann kam er - und sagte sofort: "Wie, hier oben gibt es keinen Fernseher?" Damals war gerade Fußball-WM, und er wollte kein Match versäumen. Also machten wir uns ins nächstliegende Wirtshaus auf und schauten Fußball.