Der Balkon im Schauspielhaus trägt derzeit Baströckchen. Überhaupt sieht es aus wie in einer Gartenpawlatsche mit Kochinsel und DJ-Pult. In diesem Interieur wird die Bühnenversion von Christian Krachts Roman "Imperium" gegeben. Der dreht sich um den Lebensreformer August Engelhardt, der Anfang des 20. Jahrhunderts eine Art utopische Nudisten-Kommune auf einer Pazifikinsel - deutsches Kolonialterritorium - aufbauen wollte. Da war er nicht der Einzige, seine Besonderheit: Es gab nur Kokosnuss zu essen. Denn die Kokosnuss empfand er als das pflanzliche Abbild Gottes, weil sie die Frucht ist, die dem menschlichen Gesicht am ähnlichsten ist.

Kracht arbeitet in seinem Roman mit mannigfaltigen Anspielungen und Sprachparodien von Hesse, Thomas Mann und Kleist. Die Bühnenfassung von Jan-Christoph Gockel und Tobias Schuster weist nonchalant auf solche Konnotationen hin - etwa auf einen anderen berühmten Vegetarier der deutschen Geschichte. Die Schauspieler treten dann recht ungeniert aus der gespielten Welt heraus, um danach wieder in der absurden Handlung einzutauchen. Immer wieder werden poetisch-ironische Textpassagen aus dem Buch vorgelesen. Das Ensemble, allen voran Sebastian Schindegger als erst nerdiger, dann beseelter, meist übrigens splitternackter Guru, suhlt sich mit Lust in den Kokosstreuseln der Groteske, die diese historische Miniatur bereithält.

Durchaus kurzweilig gelingt dieser Ritt durch den Aufstieg und Niedergang von Engelhardts "Sonnenorden", manchmal werden Ernährungsspinnereien der Gegenwart eingebröselt, einmal wird die Kokosnuss - und mit ihr Teile des Publikums - auch Hauptdarstellerin einer QVC-artigen Verkaufsshow, immer aber findet die Inszenierung mühelos zurück in die Spur. Für Menschen, die nichts für munter baumelnde Genitalien übrig haben, ist diese Inszenierung freilich nichts.

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