Einerseits ist es als literaturschänderischer Unfug und banale Tantiemenschinderei zu brandmarken, wenn die Josefstadt den 650 Buchseiten starken Monolog "Auslöschung" auf 50 Seiten Sprechtext kürzen und von vier Schauspielern mimisch-gestisch aufgepäppelt aufsagen lässt. Anderseits erfreut sich Thomas Bernhards im Wechselspiel von Accelerando, Ritardando, Ritenuto rhythmisierte Prosa derartiger Beliebtheit, dass ein knappes Potpourri zum Sich-Wiederfinden im unverwechselbaren gesellschaftlich-sprachlichen Kosmos des 1989 verstorbenen Dichters zu genügen scheint.

1986 ist dieser Roman erschienen, als Bernhards selbstvollstrecktes Testament. Ein Franz-Josef Murau reist darin, nach dem Unfalltod der Eltern und des älteren Bruders, als Erbe von Schloss und fürstlicher Herrschaft Wolfsegg am Hausruck, aus dem selbstgewählten römischen Exil zum Begräbnis. Gleich vielen anderen Protagonisten in Bernhards Romanen und Theaterstücken ist er ein "Geistesmensch", mit den prominentesten Namen der Literatur- und Philosophiegeschichte, den geliebten und den verachteten, auf der Zunge. Doch im "katholisch-nationalsozialistischen Österreich", wo einander Bischöfe und ehemaligen Gauleiter die Schlosstorklinke in die Hand drücken, will er nicht leben. Seiner Heimat, seines Ursprungs entledigt er sich in einem pathetischen Wiedergutmachungsakt: Er schenkt Wolfsegg der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde.

Eine Hassfigur ist die Mutter, die hinaufgeheiratet hat, der Vater ein roher Landwirt, beide ehemalige Nazis; auch der Bruder beschränkt auf Agrikultur; dazu unter Mutters Fuchtel verkümmerte Schwestern, eine jüngst mit einem badensischen "Weinflaschenstöpselfabrikanten" verheiratet. Doch gepriesen sei Onkel Georg: ein anarchistischer Augenöffner, Weltversteher, Weltmann; er erinnert an Thomas Bernhards Großvater, den Schriftsteller Johannes Freumbichler.

Die Copyrighterben hätten Bernhards furioses Spätwerk nicht zur szenischen Verwurstung freigeben dürfen. Die zerstört den - in diesem Übermaß einzigartigen - Prosafluss dieses Hauptwerks und jede daraus hochragende Aura, die römische Arroganz wie die landadelige Dumpfheit. Oliver Reese, Theaterdirektor in Frankfurt und bald am Schiffbauerdamm, zwängte bereits Romane wie "Berlin Alexanderplatz", "Lolita", "Der Mann ohne Eigenschaften" ins szenische Format. Bernhards "Auslöschung" bietet noch viel weniger dialogische, dramatische Situationen. Bewegung, Aktion, ohne welche nur von zwei Vorlesungsstunden zu berichten wäre, schafft Reese vor einer Spardekoration - purpurner Faltenvorhang, Holzstapel-Tapete - durch die Aufspaltung des monologisierenden Ichs in vier Rollen. Bis in winzige Details sorgsam arrangiert und virtuos vorgestellt, kommen so der Ich-Erzähler und Bernhards persönliches Rollenspiel zur Deckungsgleiche. Das heißt dem Affen Zucker geben. Denn zu gerne folgt das große Publikum Bernhards auch seiner Krankheit geschuldeten Wende aus den frühen allegorischen, emblematischen Kopfkonstruktionen ("Verstörung", "Kalkwerk", "Die Korrektur") zum launisch Autobiographischen. Längst genießt es "Erregung", Schimpfen als "Übertreibungskunst" als Gaudi, egal ob Sozialisten oder Katholiken angefetzt werden.

Im Schimpffuror


Viermal Franz-Josef Murau auf der kahlen Bühne. Christian Nickel markiert im Prolo-Unterleiberl die Dichterseele, die sich nur in jungen Jahren ("Frost") den Arbeitern und Strafgefangenen öffnete. Martin Zauner steigert sich perfekt in den Schimpffuror nach dem Muster von Aschermittwoch-Reden, doch hier simpel antifaschistisch eingefärbt. Wolfgang Michael gibt den hochnäselnd-blasierten Pseudoaristo, den sich Bernhard vom Freund Lampersberg abgeschaut hat. Udo Samel kippt blitzschnell aus beleibter Bonhomie in die gewiss shakespearetaugliche Rolle des gefährlich hellsichtigen Komödianten, Bosnigels, Zornbinkels, Hofnarren. Kurz zwischendurch Samel im Dirndlkleid, Nickel als SS-Mann und Erzbischof, Zauner in Mutter Muraus Altamoda-Kostüm. Und Wolfgang Michael mit dem schweren Eisenhammer, unter dem ein Wolfsegger Puppenstuben-Modell birst.

Etliche bekennerhafte Bravo-Rufe, doch geteilter Applaus. Wer den Roman nicht gelesen hat, kann dem Bühnendigest wohl kaum folgen.

THEATER

Auslöschung

Nach Thomas Bernhard. Oliver Reese (Bühnenfassung, Regie)

Mit Wolfgang Michael, Christian Nickel, Udo Samel, Martin Zauner

Theater in der Josefstadt

Wh.: Bis 19. Juni