Mit Chuzpe: Michael Gruner als Rabbi Dunkelstein. - © N. Mangafas
Mit Chuzpe: Michael Gruner als Rabbi Dunkelstein. - © N. Mangafas

Was ist, wenn Verfolgte instrumentalisiert werden, um bei der eigenen Auslöschung mitzuwirken? Wenn die einzige Möglichkeit, Leben zu retten, in der Zusammenarbeit mit den Mördern liegt? Vor dieser ausweglosen Lage standen die Judenräte während des NS-Regimes. Nach 1945 haftete den Zwangskörperschaften dann der Makel der Kooperation an.

Besonders hart ging die Nachwelt mit dem Wiener Rabbiner Benjamin Murmelstein (1905 - 1989) ins Gericht, der offenbar besonderes kaltblütig mit den NS-Schergen zusammenarbeitete: Unter seiner Führung wurde in Wien eine Art Emigrations-Reisebüro etabliert, das bis 1941 etwa 128.000 Juden außer Landes bringen konnte. Danach ging es nur mehr um Mithilfe bei den Deportationen. Dieser vielschichtigen Persönlichkeit will Robert Schindel in seinem Stück "Dunkelstein" ein Denkmal setzen. Das Drama wurde nun im Theater Nestroyhof/Hamakom in der Regie von Hausherr Frederic Lion uraufgeführt.

Wie kaum ein anderer Autor wäre Schindel in der Lage, eine differenzierte Aufarbeitung zu verfassen, schließlich ist seine Biografie eng mit diesem Thema verknüpft. Bedauerlicherweise nimmt sich der Autor zu viel vor. Er will mit dem Text gleichsam ein Panorama der verfolgten Wiener Juden zeigen, samt einer unmöglichen Affäre zwischen einem Gestapomann und einer kommunistischen Jüdin, und verliert dabei zunehmend den Erzählfaden.

Regisseur Lion setzt die lose Szenenfolge mit dem achtköpfigen Ensemble auf der beinahe leeren Bühne akkurat und etwas bieder um. Schauspieler Michael Gruner vereint Tatkraft und Schwermut und könnte die Abgründe des Protagonisten Dunkelstein durchaus ausleuchten, mit Eduard Wildner stünde ihm ein berückend präziser Gegenspieler zur Seite. Allein, es fehlt den Akteuren an Textpassagen, um dem schrecklichen Dilemma des Rabbi Dunkelstein nahezukommen.