Wien sollte mehr wie New York, Paris oder Berlin sein. In diesen Metropolen haben Queer-Performances die Club-Grenzen hinter sich gelassen und sind weitaus mehr Teil des kulturellen Lebens als hierzulande. Wie sehr diese Ausdrucksformen in der Wiener Theaterlandschaft fehlen, wird augenscheinlich durch Yasi Wanunus Uraufführung von "Reigen (the making of a post porn schnitzler)", die nun im Meidlinger Werk X zu sehen ist.

"Ich war schon immer eine Kommunistin im Herzen. Wie Robin Hood, nur lesbisch und mit mehr Sex", sagt Nora Safranek über sich, sie hat kantige Gesichtszüge, kurzgeschorenes Haar und tritt als Stubenmädchen auf. Neben ihr agiert Denise Kottlett als Marylin-Monroe-Lookalike, die etliche Kilos mehr auf die Waage bringt als ihr Stil-Vorbild, aber nichtsdestotrotz im ultrakurzen Kleid auf die Bühne stöckelt, von Affären und ihrer Abneigung gegen weibliche und männliche "Macker" berichtet. Den beiden Drag-Queens Lucy McEvil und Bernd Eischeid kann man beim Schminken zusehen, wie sie sich mit jedem Pinselstrich mehr in ein Kunstwesen verwandeln, schließlich Cruise-Missile-Blicke ins Publikum werfen, ein kaltes Lächeln abfeuern und Sätze sagen wie: "Du, mein Mieder tut weh."

Die Mechanik des Beischlafs

Das zehnköpfige Ensemble, das toxic-dream-Initiator Wanunu und der ehemalige brut-Intendant Haiko Pfost in der 90-minütigen Aufführung zusammenführen, hat Format. Diese Performer auf eine größere Bühne geholt zu haben, ist das eigentliche Verdienst der Aufführung.

Schnitzlers "Reigen" dient als Rahmenhandlung. Für die zehn erotischen Dialoge, die eine "unerbittliche Mechanik des Beischlafs" entlarven, von Macht und Verführung, von Enttäuschung und Begehren erzählen, sucht Regisseur Wanunu eine andere Lesart. Ein ambitioniertes Vorhaben, doch gerade die kurzen Schnitzler-Dialoge wirken eher lähmend. Hingegen kommt die Aufführung immer dann in Gang, wenn die Akteure zwischen zwei Schnitzler-Passagen etwas aus ihrem eigenen Leben erzählen. In diesen Momentaufnahmen wird ein anderer Blick auf Liebe, Lust und Leidenschaft viel unmittelbarer als in dem etwas bemühten Rollentausch beim "Reigen". Zwischen den Schnitzler-Szenen und den Lebensberichten zerfällt der Abend etwas und findet nicht wirklich zu einer Form. Mehr Leben, weniger Kunst.