Weniger ist mehr und Eleganz bis in die Zehenspitzen. Das sind die Credos, an die sich Manuel Legris gehalten hat. So sind die vorzeitigen Unkenrufe von wegen kitschig, verstaubt, altbacken spätestens nach der Premiere verstummt. Wenn die Zweifler nicht schon nach den ersten zehn Minuten von "Le Corsaire" ihre Meinung revidierten: Frisch und glasklar kommt schon die Ouvertüre daher - Dirigent Valery Ovsianikov ist ein absoluter Kenner der Ballettpartitur von Adolphe Adam, die mit Stücken von Leo Delibes und Cesare Pugni ergänzt wurde.

Dann hebt sich der Vorhang, und man ist erleichtert: vorbei die Zeit der vollgeladenen Bühne. Die italienische Ausstatterin Luisa Spinatelli setzt auf elegant klassisch. Keine enormen Kulissen und Requisiten am Sklavenmarkt - ein gemalter Prospekt und eine kleine Treppe reichen, um das Geschehen verständlich in Szene zu setzten. Und es passiert in dieser Piratengeschichte viel, die Orte wechseln von der Küste über den Basar bis hin zum Palast. Legris hat es sich mit der Auswahl von "Le Corsaire" zu seinem ersten choreografierten Handlungsballett wirklich nicht leicht gemacht: Die Handlung rund um die Liebesgeschichte des Piraten Conrad und der Griechin Médora ist im darauf basierenden Poem von Lord Byron und im Originallibretto mehr als verwirrend. Legris hingegen konzentriert sich auf die Liebesgeschichte der beiden, in der Conrad seine geraubte Angebetete gleich zwei Mal befreien muss, auf Conrads Piraten-zu-erst-Freund-dann-Feind Birbanto mit seiner Zulméa und auf den Harem des Paschas.

Eleganz, Eleganz,
Eleganz

Tradition ist Legris wichtig - auch in der Choreografie: Er übernimmt den bekannten Pas de deux von Conrad und Médora der Originalchoreografie, fügt aber in den Ensembleszenen eigene Schritte und Pantomimen hinzu. Auch hier gilt die Devise der Eleganz, sogar dann, wenn Piraten kämpfen oder mit ihren Frauen räuberisch in flotten Tempi tanzen.

Grazil, aber messerscharfe Technik

Noblesse gilt selbstredend auch für Legris Tänzerinnen: Maria Yakovleva als Médora und Liudmila Konovalova als ihre Freundin Gulnare wirken wie wunderschöne grazile Porzellan-Püppchen - aber mit messerscharfer Technik. An Yakovlevas Seite gibt Robert Gabdullin einen durchaus charmanten und leidenschaftlichen Conrad, dessen Leistung aber durch die Bühnenpräsenz eines Kirill Kourlaev als Sklavenhändler Lanquedem und den quirligen und kraftvollen Davide Dato als Birbanto in den Schatten gestellt wird. Gemeinsam mit Alice Firenze vermittelt Dato pure Lebensfreude und das Gefühl, seine fordernden Soli wären ein Spaziergang in lauer Sommernacht. So auch Kourlaev, der einmal mehr seine schauspielerischen Fähigkeiten beweist. Also bisher eine entstaubte Version, die französische Anmut widerspiegelt.

Wäre da nicht "Der lebende Garten" im dritten Akt: Mit Blumengirlanden, aufwendigen Tutus und Kopfschmuck ist es eine Hommage an das romantische Ballett. Tanznachwuchs schließt sich hier dem Reigen an, der einer Zeitreise ins Entstehungsjahr 1856 gleicht. Eine oberflächliche Entstaubung - wie in der restlichen Inszenierung - hätte auch hier nicht nur nicht geschadet, sondern der Produktion mit Fug und Recht einen Orden des 21. Jahrhunderts verliehen. Dennoch ist Legris’ Debüt als Choreograf gelungen - das Publikum feierte ihn frenetisch. Und ein bisschen Kitsch muss sein.