• vom 21.03.2016, 16:55 Uhr

Bühne

Update: 21.03.2016, 17:59 Uhr

Oper

Die Heuchelei des Begehrens




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Von Judith Belfkih

  • Das Theater an der Wien zeigt eine musikalisch kompakte und szenisch beschwingt humoristische Version von Händels Oper "Agrippina".

Barocke Koloraturen am schicken Pool: Countertenor Jake Arditti als Nerone, umringt von schönen Bikini-Musen. - © Werner Kmetitsch

Barocke Koloraturen am schicken Pool: Countertenor Jake Arditti als Nerone, umringt von schönen Bikini-Musen. © Werner Kmetitsch

Auf dem Höhepunkt der turbulenten Intrigen und Gegenintrigen, der platten medialen Selbstinszenierung, der subtilen und plumpen Manipulation und der geheuchelten Treue- und Beileidbekundungen: ein Moment des Innehaltens. Der tapfere Ottone, Lebensretter des Imperators und mehrfaches Opfer sämtlicher listiger Strategien, gibt sich als einzige Figur vollends dem Schmerz hin; und nicht der blinden Rache. Dieses seelenvolle Herzstück der Oper in Form einer von Countertenor Filippo Mineccia verinnerlicht klagend gesungenen Arie ist es, die den Wendepunkt in Händels "Agrippina" markiert. Die Wahrheit erweist sich als der mächtigste Feind des Truges. Die Liebe als einzige Waffe gegen den Hass und die Gier nach Macht.

Rund um diesen berückenden Moment der Ehrlichkeit zeigt Regisseur Robert Carsen Barockoper im Theater an der Wien als schwungvoll humoristische und kurzweilige Satire auf den Opportunismus der Macht und der Medien, die Oberflächlichkeit des Körperkultes und die Heuchelei des Begehrens. Das zu beherrschende Imperium heißt SPQR, zitiert in seiner Ausschmückung sowohl die Herrschaft Mussolinis als auch das Netzwerk eines Berlusconi, verfügt über einen eigenen TV-Sender und kann es sich leisten, die Macht allein des Machterhaltes wegen zu beanspruchen. Als Ort der Handlung hat Ausstatter Gideon Davey den markanten Palazzo della civilta italiana in Rom gewählt. Ein Raum, der sich zum Kapitol, zum Schlafgemach und sogar zum Swimmingpool verwandeln lässt. Gelenkt werden die Geschicke von der machthungrigen Agrippina, die als Nachfolger für ihren Mann Claudius als Herrscher gerne ihren Sohn Nerone in Stellung bringen würde. Sie benutzt ihre sexuelle Macht sowie die Verführbarkeit der Männer um sie, um ihr Intrigennetz zu spinnen. Regisseur Carsen konzentriert sich pointenreich auf die sexuellen Fallstricke der Macht. Die Geschlechterklischees fliegen tief. Subtil bleibt hier nichts. Derb wird es jedoch auch nie.

Im Dienste der Musik steht Carsens Inszenierung nicht, die optische Umsetzung überlagert die musikalische mitunter. Doch in Thomas Hengelbrock hat Händels Musik einen starken Fürsprecher, der das Gleichgewicht zwischen Bühne und Graben immer wieder herstellt. Der Klang, mit dem er am Pult des Balthasar Neumann Ensembles das Theater an der Wien erfüllt, ist straff und kompakt, furios und dringlich. Ein vitales musikalisches Statement, ein in allen Farben leuchtender Wirbelwind. Die Sänger sind kein homogenes Ensemble, eher eine Truppe von Individualisten: Patricia Bardon ist eine stimmlich resche, darstellerisch raffinierte Agrippina, Mika Kares ein schmierig sonorer Claudio. Countertenor Jake Arditti als Muttersöhnchen Nerone besticht durch pointiertes Spiel und ebensolche Koloraturen. Danielle de Niese als allseits begehrte Poppea setzt mehr auf schauspielerische als auf technische Raffinesse.

Kein Abend für Alte-Musik-Puristen, doch ein schwungvoll in der Gegenwart angekommenes Stück Musiktheater.

Information

Agrippinavon Georg Friedrich Händel
Thomas Hengelbrock (Dirigat),  Robert Carsen (Regie),  Balthasar Neumann Ensemble Theater an der Wien
 Mezzo TV überträgt am 29. März





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-03-21 16:59:05
Letzte nderung am 2016-03-21 17:59:08



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