• vom 21.03.2016, 16:54 Uhr

Bühne

Update: 21.03.2016, 17:58 Uhr

Oper

Finsternis der Herzen




  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Judith Belfkih

  • Ein szenisch düsterer und musikalisch fahler "Otello" eröffnete die Salzburger Osterfestspiele.

Schwarze Bühne, düstere Gestalten: In Verdis "Otello" dominiert optisch Finsternis mit schönen, aber beliebigen Bildern. - © Forster

Schwarze Bühne, düstere Gestalten: In Verdis "Otello" dominiert optisch Finsternis mit schönen, aber beliebigen Bildern. © Forster

Sich in der Vollendung von Details zu verlieren birgt die Gefahr, das große Ganze aus den Augen zu verlieren. Sich vollständig auf die Metaebene einer Geschichte zu konzentrieren, kann dazu führen, dass man das Wesentliche übersieht. Beides ist dem Leading Team von Verdis "Otello" bei den Salzburger Festspielen passiert.

Lyrische Desdemona: Dorothea Röschmann mit José Cura (Otello).

Lyrische Desdemona: Dorothea Röschmann mit José Cura (Otello). Lyrische Desdemona: Dorothea Röschmann mit José Cura (Otello).

Christian Thielemann leuchtet am Pult der sächsischen Staatskapelle Dresden bis in die letzten Winkel von Verdis Partitur. Er formt im Großen Festspielhaus vollendet klangschöne Tongebilde, macht sonst meist im Getöse begrabene Details plastisch hörbar und nimmt sich den Solisten gegenüber stets nobel zurück. Das Orchester stellt sich damit klar in den Dienst der Sänger. Mit den schlank geführten Musikern spürt Thielemann so mancher Zweitstimme nach und lässt manchen Höhepunkt in gleißender Klarheit erstrahlen. Und obwohl Thielemann und die Dresdner es auch stürmen und tosen lassen, ein packendes Drama erzählen sie nicht. So blieb das Eifersuchtsdrama bei der Premiere am Samstag musikalisch unterkühlt und fahl.

Auch bei Regisseur Vincent Boussard stehen weder die tragische Liebesgeschichte zwischen Otello und Desdemona noch die Intrigen des Iago im Vordergrund. Auch der Aspekt des Fremden, des ruhmreichen Eindringlings interessiert den Regisseur nicht. Er färbt statt der Hautfarbe Otellos die ganze Salzburger Produktion in Dunkelheit. Auf der kargen, schwarzen Bühne erarbeitet er mit wehenden Stoffbahnen, huschenden Projektionen und flackernden Kerzen in hochästhetischen Szenen eine Art düstere Seelenschau der Figuren. Letztlich blieben seine Bilder jedoch statisch und beliebig. Einen expressiven dunklen Engel, dessen schwarze Flügel effektvoll Feuer fangen, gibt es auch. Ist es der Tod, der Schmerz? Man weiß es nicht. Jenseits dieser rätselhaften Gestalt ist dem Regisseur zu den Figuren wenig eingefallen. Eine Interpretation verweigert er. Wie schön die aufwendigen historistisch-venezianisch angehauchten Kostüme von Christian Lacroix sind, sieht man erst im hellen Scheinwerfer des nur freundlichen Schlussapplauses. Und so treffen sich Dirigat und Regie dieses "Otello" in einem Punkt: Sie sind die kunstvoll formschöne Verpackung einer emotional unterkühlten Leerstelle.

Unter keinem guten Stern

Das Solisten-Ensemble stand schon vor den Endproben unter keinem guten Stern. Nach der krankheitsbedingten Absage von Johan Botha hat José Cura die Titelpartie übernommen. Der Tenor singt einen von Anfang an gebrochenen, alternden Otello, von jugendlich heldischer Strahlkraft ist er weit entfernt. Otello ist von Beginn an ein Gezeichneter. José Curas Tenor verfügt immer noch über reichlich Schmelz, ist jedoch in so mancher Lage rauchig und gerät in der fordernden Partie an seine Grenzen. Die finalen Buh-Rufe hat er dennoch nicht verdient. Für den ebenfalls erkrankten Dmitri Hvorostovsky übernahm Carlos Álvarez die Rolle des Iago. Sein sonorer Bariton ist der Souverän des Abends. Abgründe tun sich jedoch in seiner Interpretation keine auf. Das liegt auch an der Regie, die den Intriganten, der das Drama durch sein verbales Gift vorantreibt, als eleganten, glatten Nobelmann zeigt.

Dorothea Röschmann sang erstmals die Desdemona. Sie bezaubert mit ihrer lyrischen Dramatik, den feinen Bögen und der verinnerlichten Klarheit ihres Soprans. Allein in den dramatischen Spitzen klingt sie allzu scharf. Sie ist dennoch der seelenvolle Stern des Abends. Die noble Zurückhaltung des Orchesters kommt auch dem schlanken Tenor von Benjamin Bernheim als Cassio zugute.

Für ihre Jubiläumssaison 2017 sind den Osterfestspielen glücklichere Umstände zu wünschen: Auf dem Programm steht die Re-Kreation von Wagners "Walküre" in den ikonenhaften Bühnenbildern von 1967. Möge Karajans Geist mit dem Bühnenbild diese Produktion beseelen.

Information

Otellovon Giuseppe Verdi
Christian Thielemann (Dirigat),  Vincent Boussard (Regie),  mit Carlos Álvarez, José Cura, Dorothea Röschmann
 Salzburger Osterfestspiel
 3sat und Ö1 übertragen die Produktion am 26. März





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-03-21 16:59:08
Letzte Änderung am 2016-03-21 17:58:10


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. achtung!
  2. Ode an die Kunstfreiheit
  3. Die Toten Hosen machen weiter
  4. Schlag auf Schlaghose
  5. Kunst
Meistkommentiert
  1. achtung!
  2. Ode an die Kunstfreiheit
  3. Aufmüpfig, nicht getröstet!
  4. "Eine große Frau mit Haltung"
  5. Süßes Ableben

Werbung



Sean Godwells Entwurf einer Kapelle erinnert beim ersten Auftritt des Vatikans auf der Architekturbiennale in Venedig auf den ersten Blick an einen aufklappbaren Würstelstand.

Shepard Fairey vor seinem Mural am Wiener Flughafen. Eleni Foureira aus Zypern während ihres Probe-Auftritts in Lissabon. 

Fritz G. Mayer, Fritz Wotruba, Kirche zur Hl. Dreifaltigkeit, Außenansicht, Wien 23, 1974–1976. Das Siegerfoto mit dem Titel "Venezuela Krise", es zeigt einen 28-jährigen Mann mit brennendem Oberkörper während heftiger Proteste gegen Präsident Nicolas Maduro in Caracas im Mai 2017. 


Werbung