Von Péter Eötvös in der Staatsoper, als stummes Spiel in Timofei Kuljabins Regie bei den Festwochen angekündigt. Auch in Berlin, Zürich, München neuinszeniert. Womit verführen derzeit Tschechows "Drei Schwestern" Intendanten, Regisseure? Als Drama einer missglückten Flucht? "Nach Moskau gehen, alles hinter sich lassen", ruft Irina. "Ja, so schnell es geht, nach Moskau", drängt Olga. Im Chor "Nach Moskau" singt auch Mascha mit. Der Zaun, der sie von der Utopie Moskau trennt, sind ihr dröges kleinfeudales Garnisonsmilieu, ihre christlich-stoische, sprichwörtlich russische Leidensbereitschaft. Eine angeheiratete Proletin, Tschechows Schreckensvision der politischen Zukunft, erobert das Kommando im Landpalais. Der Fluchthelfer, welcher das Nesthäkchen Irina heiraten will, fällt im Duell.

Die drei Schwestern bleiben in diesem monumentalen Konversationstext über eine gescheiterte Übersiedlung in der Kreisstadt festgepickt. Der Regie verlangt er, bei wenig Spielraum, feinste Führungskunst ab. Und dem Ensemble alles, was in der Nachfolge des Methodenpapsts Stanislawski auf Schauspielakademien geübt wird.

David Bösch, 38, wurde mit sieben Inszenierungen in sieben Jahren Hausregisseur der Burg im Fach alte und neue Klassik. Er krempelt Dichterentwürfe nicht um. Aber ihm gelingt Unvermutetes, Neues. Die "Drei Schwestern" (1901) gelten als Prototyp eines Theaters der "vierten Wand" zwischen Darstellern und Zuschauern. Die Bühne bliebe darum Käfig, Terrarium, Bestiarium. Bösch lässt jedoch die Bekenntnisse und lebensphilosophischen Sentenzen - etwa über die Notwendigkeit, den Müßiggang durch Arbeit zu beenden - von der Rampe ins Publikum sprechen. Ein Raus-und-rein von suggestiver Kraft, die Figuren wie mit Gummibändern von der Flucht zurückgehalten. Wenn alle in einen "Blablabla"-Choral einstimmen, ist Tschechow aus den Fesseln jener Naturalisten befreit, die für Satire und Ironie kein Gehör haben.

Brüchige Gegenwart ist angesagt. Heutige Ausgehuniformen für Putins Offiziere, eine Boulevardzeitung im Farbdruck. Die neue Übersetzung von Werner Buhss überrascht mit Allzudeutschem wie "manifeste Macke", "Quark", "Partytiger". In Meentje Nielsens Damen-Kostümen sind wundersam fremde Farben zu entdecken. Harald B. Thor baute über erdigem Grund ein Partyzelt. Ein wackeliges Heim auf doppeltem Boden, ein Provisorium mit Ablaufdatum. Herbstlaub auf dem Dach. Irina reißt in Rage eine Wand auf. Noch mehr braunes Laub zum Ende hin - das Sinnbild für den von den herrlich schlampigen Musikanten Bernhard Moshammer und Karsten Riedel à la russe gesungenen Tschechow-Merkspruch "Männer werden ohne Frauen dumm, Frauen werden ohne Männer welk".

Enigmatische Schönheit


Im fortschreitenden Verwelken fügen sich Katharina Lorenz (Olga), Marie-Luise Stockinger (Irina) und Aenne Schwarz (Mascha) zu Gruppenbildern von enigmatischer Schönheit. Jede rückt einmal näher zum Glück als die Schwestern. Die drei schweben ungleich belastet im abgezirkelten Raum, keine Sekunde ein Gesicht auf null, alle drei eigensinnige, biegsame Frauenskulpturen. Stefanie Dvorak zeigt mit Verve, wie sich die von Bruder Andrej geheiratete Natascha zum Hausdrachen auswächst.

Die Herren Zivilisten dürfen ohne Standesreglement Individualität ausleben. Eine gefährliche Drohung! Maschas Gatte (Dietmar König) ist die nervige Karikatur eines lateinbrabbelnden Gymnasiallehrers. Mit Bruder Andrejs scheibchenweiser Aufgabe hehrer Ziele in Wissenschaft und Kunst wachsen Philipp Hauß’ Grobheit und Lautstärke. Aus der Offiziersriege ragen Außenseiter naturgemäß heraus: Falk Rockstroh, dieses schöne, nimmermüde Altmännergesicht, als weiser Militärarzt und Michael Masula, der Ungustl Soljony ohne Benimm, dessen Eifersucht Irinas zartfühlender, als Hoffnungsfigur gezeichneter Baron (Martin Vischer) nicht überlebt. Fabian Krüger, der von Mascha angebetete Oberst Werschinin, ist ein feiner Herr mit Hang zum Sinnieren, doch ein wenig zu manierlich. An solcher Uniformglätte verzweifeln Haltsuchende.

Die Militärkarawane zieht weiter. Drei Schwestern bleiben im brechenden Licht übrig. Mit lautem Jubel dankt es ihnen das Publikum.

Theater

Drei Schwestern

Burgtheater; Wh.: 27., 29. März